Terror-Gefahr:Europaweite Fahndung nach Islamisten

  • Der Fahndungsdruck auf die islamistische Szene in Europa wächst. In Frankreich, Deutschland und Belgien kommt es zu einer Reihe von Verhaftungen.
  • Die Behörden sind nervös: Im Terrorismusabwehrzentrum in Berlin gibt es viele Warnungen vor Anschlägen, auch auf Bahnhöfe.
  • Die Gefahr eines großen, sorgsam geplanten Anschlags in Deutschland halten die Experten jedoch derzeit für unwahrscheinlich.
  • Generell gilt, dass die globale dschihadistische Bewegung in diesen Tagen stärker denn je zu sein scheint.

Von Georg Mascolo und Hans Leyendecker

Seit den Anschlägen in Paris wächst der Fahndungsdruck auf die islamistische Szene. So kam es in Frankreich, Deutschland und Belgien zu einer Reihe von Verhaftungen. Die Behörden in Europa arbeiteten "noch enger zusammen als vor den Attentaten", sagt ein hochrangiger deutscher Sicherheitsbeamter.

So hätten in den vergangenen Tagen französische und belgische Ermittler "sehr rasch und umfangreich" ihre deutschen Kollegen über ihre Erkenntnisse informiert. Bislang zumindest seien keine Verbindungen zu "gewaltbereiten Islamisten in Deutschland" erkennbar.

In Frankreich nahm die Polizei zwölf mutmaßliche Komplizen der Attentäter fest

Mit ihrem Anti-Terror- Einsatz am Donnerstag haben die Behörden in Belgien nach eigenen Angaben drohende Attentate auf Polizisten vereitelt. Die Anschläge hätten unmittelbar bevorgestanden, erklärte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft in Brüssel. Zwei der Verdächtigen kamen bei Schusswechseln ums Leben, 13 weitere wurden festgenommen.

In Frankreich nahm die Polizei zwölf mutmaßliche Komplizen der drei Terroristen von Paris in Haft. Sie seien der Polizei bereits wegen gewöhnlicher Kriminalität bekannt gewesen und würden nun verhört, hieß es.

johad

In Deutschland gab es in den vergangenen Tagen eine Reihe von Festnahmen in der islamistischen Szene. Zunächst war am vorigen Wochenende ein angeblicher IS-Unterstützer aus Dinslaken festgesetzt worden, am Donnerstag durchsuchten Ermittler in Pforzheim mehrere Wohnungen. Es gab keine Festnahmen. Am selben Tag wurde in Wolfsburg ein 26-jähriger Islamist verhaftet, der in einem Trainingslager des "Islamischen Staats" (IS) in Syrien ausgebildet worden ist.

Am Freitag kam es in Berlin zu zwei Festnahmen in der Dschihadisten-Szene. Einen großen, sorgsam geplanten Anschlag in Deutschland halten die Experten, die sich Tag für Tag im sogenannten Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ) in Berlin versammeln, derzeit für unwahrscheinlich. Im GTAZ sitzen vierzig Bundes- und Landesbehörden zusammen, die mit Sicherheit zu tun haben.

Hier entsteht das komplette Lagebild. Immer wieder gibt es Warnungen vor angeblich drohenden Anschlägen. So haben die Nachrichtendienste nach Informationen der Süddeutschen Zeitung einen Hinweis, dass Anschläge auf deutsche Bahnhöfe bevorstünden. Aber es ist unklar, wie ernst der Hinweis wirklich genommen werden muss. Im GTAZ gibt es derzeit viele Hinweise.

Droht die größte Gefahr von Heimkehrern?

Generell gilt, dass die globale dschihadistische Bewegung in diesen Tagen stärker denn je zu sein scheint. Der Terrorismusforscher Peter Neumann, der Professor für Sicherheitsstudien am King's College in London ist, hat zusammen mit der BBC weltweit alle dschihadistischen Gewalttaten im November erfasst, die Bilanz: 5042 Tote, die große Mehrheit von ihnen sind Muslime. Fast die Hälfte der Opfer kam demnach aus Nigeria, Pakistan, Afghanistan und Jemen.

Was die Sicherheitsbehörden umtreibt, ist die Furcht vor einem Wettlauf der konkurrierenden Organisationen Islamischer Staat und al-Qaida um den spektakulärsten Anschlag. Der Sprecher des IS, Abu Mohammed al-Adnani, hatte vorigen Herbst seine Gefolgsleute erstmals aufgefordert, Europäer und Amerikaner zu ermorden: "Tötet sie, wie ihr wollt. Zertrümmert ihnen den Kopf, schlachtet sie mit einem Messer, überfahrt sie mit dem Auto, werft sie von einem hohen Gebäude."

"Ich wünschte, es gäbe ein Muster", sagt der Berliner Verfassungsschutz-Chef

Es hat in den vergangenen Monaten eine Reihe von Anschlägen gegeben, bei denen Einzeltäter so ähnlich vorgingen, wie Adnani es gefordert hatte. Al-Qaida ist in die Defensive geraten und könnte die Initiative durch spektakuläre Anschläge zurückgewinnen wollen. Droht also die größte Gefahr von den Heimkehrern oder von Einzeltätern, die sich selbst radikalisiert haben und die niemand auf dem Schirm hat?

Zehn Anschlagversuche, die alle scheiterten, hat es in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt gegeben. Nur ein Anschlag gelang. Der den Sicherheitsbehörden unbekannte kosovarische Muslim Arid U. ermordete 2011 am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten. Sicherheitsbeamte fürchten einen neuen, ähnlichen Fall.

Gefahr droht von kampferprobten, verrohten Syrien-Rückkehrern ebenso wie von Islamisten, die an der Ausreise gehindert wurden, oder alten Al-Qaida-Anhängern. Es ist diese Unübersichtlichkeit, die den Berliner Verfassungsschutz-Chef Bernd Palenda klagen lässt: "Ich wünschte, es gäbe ein Muster."

Dass mit Totalüberwachung von Gefährdern, wie von Teilen der Politik gefordert, der Gefahr beizukommen ist, glauben Sicherheitsbeamte nicht. Um nur einen Verdächtigen rund um die Uhr zu oberservieren, sind 25 bis 30 Beamte nötig. Das könnten Polizei und Verfassungsschutz nicht leisten. Gegen fast 800 Beschuldigte aus der Islamisten-Szene wird derzeit in Deutschland ermittelt. Der Dschihad ist ein Massenphänomen geworden.

Razzia gegen Islamisten in Berlin

Mitglieder eines Polizei-Sonderkommandos stehen in der Perleberger Straße in Berlin vor einem Mehrfamilienhaus.

(Foto: dpa)
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