Süddeutsche Zeitung

Terror-Gefahr:Alte Atommeiler nicht vor Anschlägen geschützt

Mindestens fünf der 18 Atomkraftwerke in Deutschland seien für einen Terror-Anschlag nicht gewappnet. Das teilte der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König, mit. Nach seiner Einschätzung haben die Betreiber der Meiler ihre Schutzpflichten seit dem 11. September 2001 nicht hinreichend erfüllt.

Wegen der Terrorgefahr fordert das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), 5 der 18 deutschen Atomkraftwerke vorzeitig vom Netz zu nehmen. Amtspräsident Wolfram König nannte in der "Berliner Zeitung" die Meiler Philippsburg I, Isar I, Brunsbüttel, Biblis A sowie Obrigheim.

König bestätigte damit in der "Berliner Zeitung" am Samstag erstmals öffentlich Ergebnisse einer seit einem Jahr unter Verschluss gehaltenen Studie der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS). Bei diesen Reaktoren handele es sich um Kernkraftblöcke älterer Bauart, die keinen ausreichenden Schutz gegen Terrorangriffe mit Passagierflugzeugen böten.

Umweltministerium: Studie sagt nichts über Gefahrenpotential aus

Das Bundesumweltministerium forderte die Bundesländer nochmals zu einer detaillierten Sicherheitsprüfung auf. Die GRS-Studie aus dem Jahr 2002 sage "nichts über das konkrete, tatsächliche Gefahrenpotenzial einer Anlage vor Ort aus", teilte das Ministerium am Samstag in Berlin mit. Sie komme zu dem Ergebnis,"dass es unterschiedliche Sicherheitsauslegungen der deutschen Atomkraftwerke gibt".

Die zuständigen Atomaufsichtsbehörden der Länder seien deshalb vor gut einem Jahr gebeten worden, auf Basis der Modellrechnungen die Sicherheit der Kraftwerke im Detail zu kontrollieren. "Diesen Verpflichtungen sind die Länder noch nicht nachgekommen." Das Ministerium hatte die GRS-Studie nach den Anschlägen in den USA vom 11. September 2001 in Auftrag gegeben.

König: Konzerne werden ihrer Verantwortung nicht gerecht

König warf den deutschen Stromkonzernen vor, nicht angemessen auf Terrorgefahren zu reagieren. "Ich finde, die Konzerne sind ihrer Verantwortung noch nicht in dem Maße gerecht geworden, wie es nach dem 11. September 2001 nötig gewesen wäre", sagte der BfS-Präsident.

Er verwies auf die im Atomausstiegsgesetz zwischen rot-grüner Bundesregierung und Stromwirtschaft vereinbarte Möglichkeit, Atomkraftwerke (AKW) vorzeitig vom Netz zu nehmen und deren Restlaufzeiten auf neuere Anlagen zu übertragen. Er halte dies für "wirtschaftlich vertretbar und rechtlich möglich".

Der Sprecher des Kraftwerk-Betreibers EnBW, Dirk Ommeln, sagte der Agentur Reuters zu den Äußerungen Königs: "Das ist im Grunde nichts Neues." Die Abwehr von Terrorgefahren sei zunächst eine staatliche Aufgabe. "Hier ist in erster Linie der Staat gefordert, ein Gesamtkonzept vorzulegen." Die Kraftwerksbetreiber seien nicht untätig, es habe aber keinen Sinn, Konzepte öffentlich zu diskutieren. "Wir wollen kein Drehbuch für Terroristen schreiben."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.886159
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
sueddeutsche.de/dpa
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.