Terroranschlag in London Die Rolle der Muslime im Kampf gegen den Terror

Muslime bei einer Gedenkwache für die Opfer des Anschlags in London. Einer von ihnen hält ein Schild: "Terroristen sind keine Muslime."

(Foto: Getty Images)

Die islamistischen Attentäter fühlen sich vom Westen gedemütigt und folgen nur vordergründig ihrem Glauben. Alle, die auf junge Dschihadisten Einfluss nehmen können, müssen dies versuchen.

Kommentar von Ronen Steinke

Ein wenig seltsam ist es immer, wenn Menschen aus dem Westen, die selbst keine Muslime sind, betonen, bestimmte Ausprägungen des Islam seien "nicht der wahre Islam". Es handele sich um eine "pervertierte Interpretation" der heiligen Schrift der Muslime. Das wirft die Frage auf: Wie sieht er denn aus, der "wahre" Islam? Und wie hat man sich die "richtige" Interpretation dieser Milliarden-Menschen-Religion vorzustellen?

Nach einem Wochenende wie dem zurückliegenden, mit sieben Terrortoten und vielen Verletzten in London, mit der Terrorangst Zehntausender beim Musikfestival "Rock am Ring" und der Massenpanik in Turin tun Rechtspopulisten, was sie auch sonst gerne tun: Sie reden von "dem Islam". Es ist gut, dass auf der anderen Seite bei vielen der Wunsch wächst, klarer zu trennen zwischen den Verbrechen mancher und dem Glauben aller Muslime. Sie versuchen die riesige Mehrheit der Muslime in Schutz zu nehmen gegen die Minderheit der Irren, die ihren Namen mit in den Schmutz ziehen.

Die Attentäter fühlen sich gedemütigt vom Westen

Ihnen sollte aber klar sein: Bei den Attentätern stehen ohnehin nicht Glaubensdinge im Vordergrund. Wer ihre religiösen Rechtfertigungen allzu ernst nimmt, der geht ihrer eitlen Pose schon auf den Leim. Denn junge Männer werden nicht durch eine wie auch immer geartete Mutation der islamischen Theologie, sei sie "pervertiert" oder nicht, zum Terror verleitet. Kein religiöser Text allein hat diese Kraft.

In der Regel ist es etwas viel Profaneres, das mehr mit Familiengeschichte und globaler Geschichte zu tun hat: die schon lange gärende Selbstwahrnehmung vieler Menschen aus muslimischen Ländern, sie würden von den wohlhabenden, säkularisierten Gesellschaften des Westens gedemütigt und abgewertet.

Kinder von Einwanderern, die in Manchester, Nizza oder im Ruhrgebiet aufgewachsen sind, zeigen sich zunehmend anfällig für die Idee eines "Widerstands" dagegen, um die angeblich verletzte Würde ihrer Gruppe wiederaufzurichten - sie wollen Rache nehmen an denjenigen, durch die sie sich erniedrigt fühlen. Das ist furchtbar, aber ein junger Mensch muss keine theologischen Traktate gelesen haben, um von dieser Idee angesprochen zu werden. Das Internet ist voll von islamistischen Filmchen, Gedichten und Songs, deren Texte den muslimischen Jugendlichen in Europa etwas Tröstendes bieten sollen. Das, worunter sie zuvor gelitten haben, dieses Gefühl, nicht dazuzugehören, wird darin dichterisch umgekehrt in ein Gefühl des Auserwähltseins.

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Der IS zieht aus Reaktionen wie denen von Trump seinen Nutzen

Natürlich antworten die Gesellschaften des Westens auf Terrorakte nie mit jenem Respekt für Muslime, den Euro-Dschihadisten sich zu Lebzeiten gewünscht haben; wie sollten sie auch? Nach dem Londoner Attentat twitterte der US-Präsident Donald Trump, jetzt müsse das Einreiseverbot gegen Menschen aus sieben muslimischen Ländern wieder eingeführt werden, das amerikanische Richter zuvor unter Verweis auf das Verbot der Diskriminierung kassiert hatten.

Aber der IS zieht gerade aus solchen Reaktionen seinen Nutzen: Eine bessere Propaganda hätten sich die Terror-Drahtzieher kaum wünschen können; sie stützt ihre Erzählung vom Westen, der allen Muslimen feindlich gegenüber steht. Die liberale islamische Religionswissenschaftlerin Lamya Kaddor hat am Wochenende geschrieben, Muslime, die mit Rucksackbomben, Kleinlastern und Klingen auf wehrlose Menschen losgehen, seien "keine Muslime".

Die Motive der Verbrecher wurzeln in einer bestimmten kollektiven Identität

Das Bedürfnis, sich auf diese Art zu distanzieren, ist verständlich. Aber wenn man diesem Ansatz folgte, wären auch die Terroristen der nordirischen IRA keine Katholiken gewesen; der jüdische Rechtsradikale, der Israels gemäßigten Premier Yitzchak Rabin erschoss, wäre kein Jude gewesen; die Mordbrenner der zentralafrikanischen Lord's Resistance Army wären keine Christen.

Nein, die Motivlagen all dieser Verbrecher wurzeln vielleicht nicht in einer heiligen Schrift, in jedem Fall aber in einer bestimmten kollektiven Identität. Mit dieser Identität muss man sich auseinandersetzen, will man ihrer Bewegung jemals politisch das Wasser abgraben. Natürlich, es ist nicht die Aufgabe allein von Europas Muslimen, nach jedem Anschlag ihre Solidarität auf den Straßen zu zeigen. Aber es ist die dringende Aufgabe aller in der Gesellschaft, die auf junge Dschihadisten Einfluss nehmen können, es zu versuchen. Und dies sind zuallererst die Menschen in Europa mit muslimischem Hintergrund, ob sie nun tief religiös sind oder völlig areligiös.

Wer auf die selbsternannten Rächer der Muslime Einfluss hat, auf ihr Umfeld, auf die Kultur, in der sie sich bewegen, der muss versuchen, ihn zu nutzen. Und dem Gedanken entgegenwirken, dass der Westen als Ganzes Muslime demütigen und abwerten will. Es gibt unendlich viele Gegenbeispiele dafür; nur eines davon ist, dass London, das Ziel so vieler Attentate, einen Bürgermeister muslimischen Glaubens hat.

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