Ermittlungen nach Berliner Anschlag Das Terror-Abwehrzentrum hatte Amri bereits auf dem Schirm

Anis Amri beschäftigte immer wieder Polizei und Sicherheitsbehörden, trotzdem konnte er wenige Wochen vor dem Anschlag in Berlin abtauchen. Fotos: DPA (2), AP, Collage: SZ

  • Neue Ermittlungsergebnisse zeigen, dass die Behörden mehr über den mutmaßlichen Attentäter von Berlin wussten, als zunächst bekannt war.
  • Seine Akten offenbaren, dass er seit seiner Ankunft in Deutschland unterschiedliche Personalien nutzte und dass sein Lebenslauf dem früherer Attentäter ähnelte.
  • Die Behörden müssen jetzt aufklären, ob die Tat hätte verhindert werden können.
Von Hans Leyendecker, Georg Mascolo und Nicolas Richter

Gegen 19.30 Uhr am Abend der Tat bemächtigt sich der Tunesier Anis Amri eines schwarzen Lastwagens in Berlin. Er schießt dem polnischen Lkw-Fahrer in den Kopf und setzt sich ans Steuer. Dann fährt er zum Breitscheidplatz in Berlin, zum Weihnachtsmarkt, wo sich gerade Hunderte Besucher drängen. Amri wirft einen Blick auf die Buden, dreht dann allerdings - so zeigen es später die GPS-Daten - noch einmal ab, fährt eine Schleife durch die Innenstadt.

Er chattet aus dem Führerhaus, nur Minuten vor der Tat schreibt Amri an einen Glaubensbruder, bei dem es sich womöglich um einen am Mittwoch in Berlin festgenommenen Tunesier handeln könnte: "Mein Bruder, alles in Ordnung, so Gott will. Ich bin jetzt im Auto, bete für mich mein Bruder, bete für mich." Amri verschickt noch ein Selfie von sich im Führerhaus des Lkw. Erst dann, gegen 20 Uhr, nimmt er endgültig Kurs auf sein Ziel, rast mitten in die Menschenmenge, tötet ein Dutzend Menschen, bis die Unfallautomatik der Zugmaschine ausgelöst wird und den Lastwagen zum Stehen bringt.

In den Akten werden ständig wechselnde Wohnsitze genannt

Amri springt aus dem Fahrerhaus und flieht. Sein Handy, Marke HTC, wird man später vor der Stoßstange des Lkws finden, womöglich ist es bei der starken Bremsung durch die Windschutzscheibe geflogen. Die Ermittlergruppe "City" findet auch seine Geldbörse mit 230 Euro sowie eine Aufenthaltsgenehmigung - ausgestellt auf den Namen Ahmed Almasri. Es ist eine von acht verschiedenen Personalien, die Amri je nach Anlass und Zweck nutzte, seit er im Juli 2015 nach Deutschland kam. Die Behörden kannten alle diese Alias-Namen schon vor der Tat.

Amris Tarnnamen

Anis Amri verwendete gern Aliasnamen. Dabei änderte er immer wieder mal seinen Geburtsort und die Geburtsdaten, den Nachnamen und den Vornamen. Ein Überblick:

Mohamed Hassa, geboren 22.10.1992 in Cafrichik/Ägypten. Unter diesem Namen wurde er im Flüchtlingsheim in Emmerich geführt.

Mohammad Hassan, geboren 22.10. 1992 in Kafer/Ägypten. Unter diesem Namen wurde er als Asylsuchender in einer Erstaufnahmeeinrichtung in Dortmund geführt.

Ahmed Almasri, geboren 1.1. 1995 in Cafrichik. So war er bis 5. Dezember 2016 im Übergangsheim in Emmerich gemeldet. Seine Meldeanschrift wurde dort vor rund drei Wochen "von Amts wegen" abgemeldet.

Ahmed Almasri, geboren 1.1. 1995 in Alexandria. Unter diesem Namen war er in der Flüchtlingsunterkunft Oberhausen bekannt.

Ahmed Almasri, geboren 1. 1. 1995 in Skendiria/Ägypten. So lauteten seine Personalien in einem Identitätsdokument der Ausländerbehörde Dortmund.

Ahmad Zaghoul, geboren 22.12. 1995 - sein Name bei der Zentralen Leistungsstelle für Asylbewerber in Berlin.

Ahmad Zarzour, geboren 22.10. 1995 in Ghaza/Tunesien. Bisher ist unbekannt, wann und wo er diesen Namen verwendete.

Anis Amir, geboren 23.12. 1993 in Tataouine/ Tunesien. So wurde er zur Aufenthaltsermittlung durch die Staatsanwaltschaft Freiburg ausgeschrieben. Geburtsort und Vorname stimmten, der Rest war falsch. Der Attentäter wurde nach Feststellungen der Behörden am 22.12. 1992 in Tunesien geboren.

(Autor: Hans Leyendecker)

Was die Behörden wussten oder hätten wissen müssen, das muss jetzt so akribisch aufgeklärt werden wie die Tat selbst. Wie konnte ein Mann, der dem Staatsschutz so früh als so gefährlich bekannt war, einen solchen Anschlag begehen? Wenige Tage vor der Tat, am 14. Dezember, erstellen Sicherheitsbehörden die neueste Version eines Personenprofils, in dem sie sämtliche Erkenntnisse über Amri sammeln. Ein solches Profil gibt keine Zukunftsprognosen ab, aber es beschreibt einen Mann, dessen Lebenslauf viel Ähnlichkeit mit dem von früheren Attentätern in Diensten der Terrorgruppe Islamischer Staat aufweist.

Es findet sich darin zum Beispiel die Karriere eines Kleinkriminellen, der bereits als Jugendlicher in Italien in Haft saß, und der in einer deutschen Asylunterkunft einen Diebstahl begangen haben soll. Es finden sich darin Sprachkenntnisse: Deutsch, Arabisch, Italienisch, Spanisch und Französisch. Es finden sich in der Akte Kontakte Amris zu einer islamistischen Zelle um den Prediger Abu Walaa, deren Anführer im November dieses Jahres verhaftet wurden. Es finden sich darin die acht Identitäten, die Amri nutzte. Es finden sich ständig wechselnde Wohnsitze und Aufenthaltsorte. Es finden sich darin etliche Fotos von ihm.

All diese Eigenschaften mag Amri noch mit vielen anderen Gefährdern teilen, die ins Visier deutscher Staatsschützer geraten sind. Aber in seinem Fall sind die Hinweise noch konkreter: Das Landeskriminalamt in Düsseldorf hielt Amri für einen Salafisten und radikalen Fundamentalisten. Das Polizeipräsidium Dortmund stufte ihn als Sympathisanten des "Islamischen Staates" ein. Die Behörden wissen sogar, dass Amri im Internet nach Anleitungen für den Bau von Rohrbomben gesucht hat, dass er sich für die chemischen Prozesse interessiert, mit denen man Sprengstoff herstellen kann. Sie wissen von mindestens einem Chat im Februar dieses Jahres. Darin soll sich Amri mutmaßlich als Selbstmordattentäter angeboten haben, höchstwahrscheinlich im Gespräch mit einem IS-Mitglied.