Sahelzone:Fragile Staaten, mafiöse Milizen

In den Halbwüsten Nordafrikas gedeiht die Gewalt. In dieser Welt sind radikal-islamistische Gruppen nur ein kleiner Ausschnitt des Elends.

Von Arne Perras, München

Wo Staaten ihr Gewaltmonopol verlieren oder noch niemals richtig ausfüllen konnten, dominieren oftmals bewaffnete Milizen das Geschehen. Das gilt auch für die von Gewalt beherrschte, politisch fragile Sahelzone, von Mauretanien im Westen bis in den Sudan im Osten. Regierungen haben dort oft nicht die Mittel - und manchmal auch gar nicht den Willen - Massaker, Entführungen und Überfälle auf Zivilisten zu verhindern. Nicht selten sind diese Staaten, durch Einheiten ihrer eigenen Armee oder durch verbündete bewaffnete Gruppen, selbst in grauenvolle Gewaltakte verwickelt.

All dies geschieht in einer geografischen Zone, in der Wasser, Weide- und Ackerland besonders kostbare Ressourcen sind. Während zahlreiche Experten der Ansicht sind, dass sich mit dem Fortschreiten des Klimawandels Konflikte um Land vielerorts verschärfen werden, ist auch die strukturelle Schwäche der Staaten ein massives Problem: Regierungen sind oftmals nicht in der Lage, aufkeimende Rivalitäten und Spannungen durch Verhandlungen und politisches Management in den Griff zu bekommen.

Milizen im Sahel finanzieren sich häufig aus dem Schmuggel und der organisierten Kriminalität. Sie handeln mit allem, was hohe Gewinne verspricht, vor allem mit Zigaretten, Drogen, Waffen und Menschen. Der Staat als solcher ist meist fern in den unwegsamen Halbwüsten. Weder ist er in der Lage, mit seiner Polizei und Armee einen wirksamen Schutz für Zivilisten aufzubauen, noch gelingt es ihm, Schulen und Krankenhäuser für die verarmte Bevölkerung bereitzustellen.

Bei Weitem nicht alle bewaffneten Gruppen haben sich einer radikal-islamistischen Ideologie verschrieben, manche sind schlicht Banditen, andere wiederum, wie die Tuareg, haben sich als Rebellengruppe etabliert, um Autonomie und Eigenständigkeit zu erlangen. Aber selbst jene, die aus globalem Blickwinkel als Dschihadisten gelten, haben nicht zwingend eine globale Terror-Agenda. Insofern ist die Bedrohungslage, zum Beispiel für Europa, recht diffus. Es ist nicht immer leicht zu differenzieren, wer eigentlich was will in den Halbwüsten des Sahel.

Dort Islamisten militärisch zu bekämpfen, ist zweischneidig: Zum einen gibt es immer wieder Erfolge, etwa wenn Frankreichs Spezialtruppen abermals bekannt geben, einen weiteren Terrorfürsten im Sahel getötet zu haben. Dies bremst die Extremisten, auf Dauer ausgeschaltet sind sie dadurch nicht. Zum anderen häufen sich Berichte, dass es bei Militäreinsätzen, die unter dem Banner des Anti-Terror-Einsatzes geführt werden, auch immer wieder zu Gewalt gegen mutmaßlich unbeteiligte Zivilisten kommt. Das macht das Streben nach einem Frieden immer schwieriger.

Die Verrohung schürt Misstrauen, auch gegen ausländische Armeen. Letztere laufen Gefahr, als Neo-Kolonialisten angeprangert zu werden. Wo weitgehende Straflosigkeit für fast alle bewaffneten Gruppen gilt, verschärft sich die Angst in der Bevölkerung und die Verbitterung gegenüber dem eigenen Staat. Auch das macht die Menschen mancherorts empfänglich für radikale Gruppen, die teils unter der Flagge von al-Qaida agieren oder als Verbündete des sogenannten Islamischen Staats IS auftreten.

© SZ
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB