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Terror:Die Lehren vom Anschlag auf dem Breitscheidplatz

Die Opferfamilien geben der Kanzlerin keine Schuld am Tod ihrer Angehörigen. Aber sie wollen wissen, welche Konsequenzen daraus gezogen werden. Das ist ihr gutes Recht.

Der Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz vor einem Jahr war eine Zäsur. Deutschland erlebte erstmals islamistischen Terror von der Dimension, wie er in den Monaten zuvor vor allem in Frankreich gewütet hatte; einen Täter von brutaler Entschlossenheit, möglichst viele Unschuldige zu töten in einer Umgebung, die für den liberalen Lebensstil westlicher Gesellschaften steht. Das Entsetzen war groß, die Trauer aufrichtig.

Es gehört indes zum Gesamtbild des tragischen Ereignisses, dass die Deutschen allgemein und die Berliner zumal auf den Terror zwar erschrocken, aber nicht verängstigt reagierten, dass der verständlichen Sorge alsbald trotzige Gelassenheit folgte.

Der Staat hingegen hat schwere Fehler begangen. Das betrifft den Umgang mit dem Gefährder Anis Amri, dessen Tat bei strikter Anwendung der rechtlichen Möglichkeiten hätte verhindert werden können. Es betrifft aber auch den unglücklichen, teilweise täppischen Umgang mit den Hinterbliebenen und den verletzten Opfern, den diese jüngst in einem Brief an Angela Merkel öffentlich gemacht haben.

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Merkel hat das Treffen hinausgezögert

Ein Jahr danach hat die Kanzlerin diese Menschen nun getroffen. Die Opferfamilien haben auf dem Gespräch mit Merkel bestanden, obwohl sie im Februar von Bundespräsident Joachim Gauck und Innenminister Thomas de Maizière empfangen worden waren. Merkel hat das Treffen hinausgezögert, auch wenn sie wiederholt ihre Anteilnahme bekundete: in Ansprachen, im Trauergottesdienst und bei vielen Besuchen mit Staatsgästen am Tatort. Doch die Hinterbliebenen wünschen sich, dass Merkel nicht nur repräsentativ Verantwortung übernimmt, sondern individuell - auch wegen ihrer Flüchtlingspolitik.

Die Opferfamilien geben der Kanzlerin in ihrem Brief keine Schuld am Tod ihrer Angehörigen. Sie argumentieren viel differenzierter als jene, die gleich nach der Tat von "Merkels Toten" sprachen. Aber die Hinterbliebenen stellen schon einen Zusammenhang her zwischen unkontrollierter Zuwanderung, die sich auch Anis Amri zunutze machte, den Defiziten der Abschiebepolitik und dem Anschlag in Berlin. Sie wollen wissen, welche Konsequenzen daraus gezogen werden. Und als Betroffene tun sie das mit höchster Legitimation.

Merkel hat die Verbindung zwischen Flüchtlingspolitik und Terrorismusgefahr bis heute meist vermieden. Zu Recht will sie nicht Hunderttausende ehrliche Schutzsuchende unter Generalverdacht stellen. Aber im Angesicht des individuellen Leids argumentiert es sich schwer, dass eine humanitäre Großtat wie die Flüchtlingspolitik auch Risiken birgt, die in Kauf zu nehmen man für verantwortbar hält. Und angesichts der Fehler der Behörden im Umgang mit Amri argumentiert es sich noch schwerer, dass der Staat dafür gewappnet sei.

Merkel hat zu lange gewartet, die Opferfamilien zu treffen. Aber besser spät als nie. Das Gespräch im kleinen Kreis steht überdies stellvertretend für den Diskurs mit der Gesellschaft insgesamt, von dem die Kanzlerin selbst weiß, dass sie ihn noch intensiver führen muss.

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