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Terror:Der lange Weg aus dem Extremismus

Nach tödlicher Messerattacke - Verdacht islamistischer Tat

Kriminaltechniker am Tatort in Dresden. Wenige Tage nach seiner Haftentlassung soll Abdullah al-H. auf zwei Touristen eingestochen haben.

(Foto: Roland Halkasch/dpa)

Der islamistische Messerangreifer von Dresden war im Gefängnis Teilnehmer eines Präventionsprogramms. Nun wird erneut diskutiert: Wie wirkungsvoll sind die Konzepte?

Von Nina von Hardenberg, München

Die Zeit im Gefängnis kann eine Zeit des Umdenkens sein. Das war auch die Hoffnung bei dem jungen Syrer. Ein Team von Extremismus-Experten des Violence Prevention Network (VPN) hatte ihn in der Haft betreut und ihn dort mehr als zehn Mal besucht. Ihr Ziel: Abdullah al-H., der als islamistischer Gefährder galt, sollte von seinen extremistischen Ansichten abgebracht werden. Gelungen ist es nicht: Er wird beschuldigt, wenige Tage nach seiner Haftentlassung am 4. Oktober in Dresden zwei Männer niedergestochen und einen von ihnen getötet zu haben. Die Messerattacke von Dresden wirft damit auch die Frage auf, ob in Haftanstalten genug getan wird, um Islamisten zu deradikalisieren, und ob die Programme wirken.

Die Angebote zur Prävention gegen islamistischen Extremismus sind zahlreich, so viel ist sicher. Bund und Länder haben in den vergangenen Jahren viele Projekte aufgelegt. Anfangs ging es vor allem darum, salafistisch radikalisierte Jugendliche davon abzubringen, sich der Terrormiliz "Islamischer Staat" anzuschließen. Seit 2013 etwa gibt es eine bundesweite Hotline für besorgte Eltern und Freunde. Von 2017 an hat dann allein der Bund über das Nationale Präventionsprogramm gegen islamistischen Extremismus Projekte im Umfang von mehr als 24o Millionen Euro finanziert, darunter in allen Bundesländern auch Pilotprojekte, die einer Radikalisierung während der Haft vorbeugen sollen. Die Länder haben eigene Programme aufgebaut - teils in Zusammenarbeit mit NGOs wie dem Violence-Prevention-Network, Legatoo (Hamburg) und Provention (Schleswig-Holstein), teils aber auch mit staatlichen Aussteigerprogrammen in den Justizvollzugsanstalten wie in Nordrhein-Westfalen und Niedersachen. "Im Prinzip findet sich in fast jeder größeren Stadt irgendein Deradikalisierungsprogramm", sagt Andreas Beelmann, Direktor des Zentrums für Rechtsextremismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftliche Integration in Jena. "Mit welchem Erfolg diese Projekte arbeiten, ist allerdings bislang nicht gut untersucht."

Jeder einzelne verhinderte Anschlag zählt

Er kenne keine einzige systematische Bewertungsstudie. Der Grund: Die meisten Programme sind auf Projektbasis angelegt und nicht dauerhaft finanziert. Eine Analyse der langfristigen Wirksamkeit ist da schwierig. Um zu untersuchen, ob Menschen nach einem Training seltener erneut straffällig werden, müsste man zudem auf Daten des Strafregisters zurückgreifen, was langfristige Genehmigungsverfahren voraussetzt. Erfolge von Prävention zu messen, sei also aufwendig, die Projekte trotzdem wichtig: "Wenn Sie auch nur einen Menschen aus der islamistischen Szene rausholen, kann das schließlich einen Anschlag verhindern."

Organisationen wie Violence Prevention Network arbeiten seit Jahren mit fundamentalistisch eingestellten Jugendlichen im Strafvollzug. Das Programm beginnt in der Haft und läuft nach Entlassung noch mindestens ein Jahr weiter. Es geht dabei längst nicht nur darum, die Ideologie der Teilnehmer zu hinterfragen und sie zu einem eigenständigen Denken zu motivieren. Wer in ein extremistisches Milieu eingetaucht ist, hat oft der Familie den Rücken gekehrt und alte Freundschaften gekündigt. Die NGOs helfen diesen Menschen, sich sozial neu zu etablieren, die Schule zu beenden oder einen Job zu finden, an alte Freundschaften anzuknüpfen und auf Abstand zu den extremistischen Gruppen zu bleiben.

"Das sind lange Prozesse, da kommt man mit zehn Stunden nicht aus", sagt Björn Milbradt, der beim Deutschen Jugendinstitut im Auftrag des Familienministeriums Modellprojekte evaluiert. "Entsprechend langfristig müssen Präventions- und Ausstiegsangebote angelegt sein."

Der mutmaßliche Täter der Messerattacke von Dresden war ein besonders schwieriger Fall, wie VPN-Geschäftsführer Thomas Mücke erzählt. Er war als minderjähriger Flüchtling aus Syrien geflohen und dann hier straffällig geworden, weshalb er abgeschoben werden sollte, sobald Abschiebungen nach Syrien möglich wären. "Welche Perspektive wollen Sie so jemandem geben?", fragte Mücke. "Der hat niemanden mehr."

"Da war nichts in der Körpersprache und auch sonst nichts"

Zudem habe Corona die Arbeit erschwert: Die Extremismus-Experten konnten erst im Juni mit den Sitzungen anfangen. Da war er schon mehr als zwei Jahre in Haft. Es gab zudem Verständigungsprobleme, da der junge Mann kaum Deutsch sprach.

Was sie besonders bestürzt habe: Auch nachdem die Tat geschehen war, traf Abdullah al-H. die Experten zu weiteren Gesprächen. Nichts in seinem Verhalten aber habe darauf hingedeutet, dass der Mann eine Straftat begangen hatte, obwohl ein Treffen sogar in unmittelbarer Nähe des Tatorts stattfand: "Da war nichts in der Körpersprache und auch sonst nichts."

Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Mücke mit Menschen im Strafvollzug, seit 2007 hat VPN mit 914 Straftätern im islamistischen Kontext Deradikalisierungstrainings im Gefängnis durchgeführt. Von denen, die seit 2014 von den Beratungsstellen betreut wurden, habe sich keiner erneut einer terroristischen Vereinigung angeschlossen. So etwas wie in Dresden habe er noch nicht erlebt, sagt Mücke: "Es war wohl ein klassischer Fall, wo man sagen muss, eine 100-prozentige Sicherheit wird es nie geben."

© SZ/zoc
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