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Terror:Angst als Waffe

Wenn sich die Demokratien provozieren lassen.

Von Joachim Käppner

Hassen heißt: unablässig morden", hat der Philosoph Ortega y Gasset geschrieben. Die jüngsten islamistischen Anschläge in Frankreich, Tunesien und Kuwait sind das Werk von Menschen, für die das im Wortsinne gilt. Dieser Hass ist mörderisch, blindwütig und zerstörerisch. Ihr seid nirgends sicher: Das ist die Botschaft an den Westen. Ausgleich, Lösungssuche, Kompromisse, all das Repertoire der Demokratien zur Konfliktbewältigung ist hilflos gegen die Macht der schieren Destruktivität. Das macht es extrem schwierig, den Terror zu bekämpfen. Angst ist seine Waffe.

Die Strategie der Terroristen will den Westen, die USA, Frankreich und deren Verbündete verunsichern, Panik erzeugen, sogar Vergeltung provozieren. Diese wird neue Opfer schaffen, von denen sich der Hass nährt. Ganz ähnlich zielte der linksradikale Terror der RAF darauf, dem Staat seine demokratische "Maske" zu entreißen und sein angeblich faschistisch-imperialistisches Wesen zu enthüllen. Die deutsche Demokratie war stark genug, der Provokation zu widerstehen; aber die Versuchung zu massiver Gegengewalt, dem Abbau von Grundrechten bis hin zum Wunsch nach Wiedereinführung der Todesstrafe war eine Weile lang erheblich.

Die islamistische Herausforderung ist um ein Vielfaches gefährlicher. Den Tod anderer Muslime - die ja, was man oft vergisst, die Mehrzahl der Opfer bilden - hält er für gottgefällig: Wer sich nicht unterwirft, wer anders denkt, wer, wie die Tunesier, ein islamisches Land in eine bessere Zukunft führen will, gilt als Feind wie die "Ungläubigen".

Seinen Kampf gegen die Freiheit kann der Hass nicht von außen gewinnen. Er will sie von innen vernichten, in die Selbstzerstörung treiben. Nach den Anschlägen von 9/11 sind die Vereinigten Staaten in diese Falle getappt. Die älteste Demokratie der Welt verriet in der Folge ihre eigenen Ideale in bestürzendem Ausmaß: Die USA führten einen im Kampf gegen den islamistischen Terror völlig sinnlosen und herbeigelogenen Krieg im Irak, der in der Folge in Chaos und noch mehr Gewalt versank. Die Bush-Regierung legalisierte Formen der Folter und baute die Geheimdienste auf ein orwellsches Maß aus; dennoch haben die Boston-Bomber ihren Sprengsatz gezündet.

Die Demokratien dürfen sich nicht provozieren lassen, ihre Grundsätze über Bord zu werfen

Ja, es kann nötig sein, den Terror militärisch zu bekämpfen, wie es die internationale Koalition gegen den IS zögernd tut. Es kann im Einzelfall auch sinnvoll sein, der Polizei mehr Befugnisse zu geben, um Terroranschläge zu verhindern. Das alles aber erfordert größtes Augenmaß. Geht es verloren, geht auch ein Stück Freiheit dahin und damit die Essenz des westlichen Gesellschaftsmodells. Aus der Freiheit wächst seine Stärke. Wenn sich die Demokratien aus Angst provozieren lassen, ihre Grundsätze über Bord zu werfen, werden sie schwach. Dann hat der Hass erreicht, was er wollte.

© SZ vom 27.06.2015
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