Afghanistan:Taliban geben Übergangskabinett bekannt

Afghanistan: Mullah Mohammed Hassan Akhund (rechts) ist als Führer der afghanischen Übergangsregierung ernannt worden. Das Bild von 1999 zeigt ihn in Islamabad mit dem damaligen pakistanischen Premier Nawaz Sharif .

Mullah Mohammed Hassan Akhund (rechts) ist als Führer der afghanischen Übergangsregierung ernannt worden. Das Bild von 1999 zeigt ihn in Islamabad mit dem damaligen pakistanischen Premier Nawaz Sharif .

(Foto: SAEED KHAN/AFP)

Entgegen vielen Erwartungen wird der weniger bekannte Mohammed Hassan Akhund Regierungschef und nicht Abdul Ghani Baradar.

Die militant-islamistischen Taliban haben einen Teil ihrer Übergangsregierung in Afghanistan bekannt gegeben. Amtierender Vorsitzender der Minister wird demnach der wenig bekannte Mullah Mohammed Hassan Akhund. Diese Funktion entspricht der eines Premierministers. Das teilte der Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Kabul mit. Akhund ist ein Gründungsmitglied der Taliban, war zuletzt in ihrem Führungsrat, der Rahbari Schura. Er gilt als enger Vertrauter des Taliban-Führers Haibatullah Achundsada.

Der aus Kandahar stammende Akhund hielt bereits während der ersten Taliban-Herrschaft 1996 bis 2001 wichtige Posten, er gilt als gemäßigt. Beobachter halten ihn für einen Kompromisskandidaten. Sprecher Mudschahid sagte, man habe sich darauf geeinigt, ein Übergangskabinett zu ernennen und bekannt zu geben, "um die notwendigen Regierungsarbeiten durchführen zu können". Wie lange dieser Übergang dauern solle, dazu sagte der Sprecher nichts.

Zu einem von zwei Stellvertretern Akhunds wurde Mullah Abdul Ghani Baradar ernannt, der bisherige Vizechef der Taliban, der 2020 für die Taliban das Abkommen mit den USA unter anderem über ein Ende des US-geführten Militäreinsatzes in Afghanistan unterzeichnet hatte. Er war auch vor einigen Wochen nach Peking gereist und hatte dort mit Chinas Außenminister Gespräche geführt. Der etwa 53-jährige Baradar war Weggefährte und enger Freund von Mullah Omar, der die radikalislamische Bewegung ins Leben rief und an der Spitze des Taliban-Regimes in den 1990er Jahren stand. Baradar war im Herbst 2018 auf Drängen der US-Regierung aus pakistanischer Gefangenschaft freigelassen worden, um die Friedensverhandlungen mit den USA im katarischen Doha zu leiten. Zweiter Stellvertreter ist Maulawi Abdul Salam Hanafi, der zuletzt im politischen Büro der Taliban in Doha tätig war.

Der amtierende Innenminister steht auf der Fahndungsliste des FBI

Für den Posten des Außenministers ist Amir Chan Muttaki vorgesehen. Zum amtierenden Innenminister wurde Saradschuddin Hakkani ernannt, Gründer des gleichnamigen Netzwerks, das von Pakistan aus operiert. Die USA stufen es als terroristische Gruppierung ein, Hakkani wird als Terrorist vom amerikanischen FBI steckbrieflich gesucht. Die Hakkani-Familie hat auch eine Reihe anderer Regierungsposten inne, etwa das Ministerium für höhere Bildung, das Ministerium für Telekommunikation und das Ministerium für Flüchtlinge. Einer der bisherigen Taliban-Vizechefs, Mullah Mohammed Jakub, Sohn des Taliban-Gründers Mullah Omar, soll Verteidigungsminister werden. Die Taliban besetzten 33 Posten. Die Ernennung der verbleibenden Führungspositionen von Ministerien und Institutionen werde man nach "langer Überlegung" nach und nach bekannt geben, sagte Mudschahid.

Die Ernennung von Akhund zeige, "wie wenig wir im Westen über die Taliban wissen und ihre Entscheidungen voraussagen können", sagt der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig von der Kabuler Denkfabrik Afghanistan Analysts Network. Die meisten Beobachter gingen davon aus, dass Mullah Baradar Premier werden würde.

Die Taliban hatten Mitte August die Macht in Afghanistan wieder übernommen. Der bisherige Präsident Aschraf Ghani war kurz davor geflohen. Seit ihrer Machtübernahme bemühen sich die Islamisten um eine gemäßigtere Außendarstellung als zu Zeiten ihrer Schreckensherrschaft zwischen 1996 und 2001. Es besteht dennoch weiter die Sorge, dass die militante Gruppe ihre Herrschaft auf Unterdrückung und drakonischen Strafen gründen könnte.

© SZ/dpa/Reuters/EPD/bac
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