Afghanistan:Dramatische Lage in Kabul

Konflikt in Afghanistan - Taliban

Die Lage am Kabuler Flughafen spitzt sich zu - die Taliban präsentieren sich in den Straßen der Hauptstadt mit ihrer Flagge als Bezwinger der USA.

(Foto: Rahmat Gul/dpa)

Die Rettung von Menschen vor den Taliban wird immer schwieriger, die Situation am Flughafen droht zu eskalieren. In mehreren Städten kommt es zu Protesten.

Von Peter Fahrenholz, Björn Finke und Mike Syzmanski, Berlin/Brüssel/München

Die Rettung der Menschen vor den Islamisten der Taliban verläuft offenbar immer dramatischer. "Ich befürchte, dass sich das Ganze zuspitzen wird", sagte Brigadegeneral Jens Arlt, der in Kabul den Einsatz der deutschen Soldaten leitet. Arlt war bei einer Telefonschalte des Verteidigungsministeriums mit Journalisten aus Kabul zugeschaltet worden und schilderte eine chaotische Lage. Man müsse sich die Situation rund um den Flughafen wie ein "überflutetes Fußballstadion" vorstellen.

Die Soldaten, so Arlt, müssten die Menschen, die ausgeflogen werden sollen, erst einmal in der Menge sichten. Wer erkannt würde, müsse sich dann durch die Menschenmassen kämpfen. "Das ist die große Herausforderung", sagte der General. Die Vorstellung, man könne größere Gruppen geschlossen gemeinsam mit Leuten der Bundeswehr ins Innere des Flughafens bringen, sei "abwegig".

Nach der Schilderung des Generals ist es bisher auch kaum möglich, Menschen aus der Stadt abzuholen. Selbst wenn man an den Kontrollposten der Taliban vorbeikomme, sei es "extrem schwierig", dann zum Flughafen zurückzukehren. Die Straßen seien verstopft und die Taliban würden "effektiv" kontrollieren. Die deutschen Soldaten, die die Evakuierung absichern, müssten jederzeit damit rechnen, "dass die Lage so eskaliert, dass wir raus müssen", sagte Arlt.

Taliban sind mit Peitschen und Waffen unterwegs

Auch andere Berichte zeigen, wie dramatisch die Lage rund um den Flughafen ist. Die CNN-Journalistin Clarissa Ward, die als eine der wenigen ausländischen Medienvertreter noch in Kabul ist, sprach laut dpa von einem "Tornado des Wahnsinns". Ihrer Schilderung zufolge werfen Menschen Babys über den Zaun, um sie in Sicherheit zu bringen. Die Taliban seien mit Peitschen und Waffen unterwegs, um die Menschen zurückzuhalten.

Probleme gibt es offenbar auch immer wieder mit den US-Soldaten am Flughafen. Ortskräfte deutscher Organisationen berichten, dass die Amerikaner sie an den Eingängen zurückgewiesen und nur ihre eigenen Leute durchgelassen hätten. US-Präsident Biden kündigte inzwischen an, dass die US-Soldaten am Flughafen auch über den geplanten Abzugstermin am 31. August hinaus bleiben könnten. "Wenn dort noch amerikanische Bürger sind, werden wir bleiben, bis wir sie alle rausgeholt haben", sagte Biden.

In anderen afghanischen Städten ist es inzwischen zu Protesten gegen die Taliban gekommen. Einem Bericht des arabischen Senders Al Jazeera zufolge haben Taliban-Kämpfer bei einer Kundgebung in der Stadt Asadabad im Nordosten des Landes am Donnerstag, dem afghanischen Unabhängigkeitstag, mehrere Menschen erschossen.

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell bezeichnete den Sieg der Taliban am Donnerstag als "Albtraum" und "Katastrophe für die Werte und die Glaubwürdigkeit des Westens". Nach Borrells Angaben sind inzwischen 106 Ortskräfte der EU ausgeflogen worden, 300 weitere seien auf dem Weg zum Flughafen, hätten aber Probleme, durchzukommen.

Innerhalb der Bundesregierung versuchen die beteiligten Ministerien, sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuzuschieben. Das Verteidigungsministerium bestätigte einen Bericht der Süddeutschen Zeitung, wonach bereits im Juni Charterflüge für die Ausreise von Ortskräften geplant gewesen seien. Diese Flüge seien aber dann nicht notwendig gewesen, "weil die Menschen Ende Juni noch auf anderem Wege ausfliegen konnten", hieß es in einer Stellungnahme. Es hätte aber zu Problemen bei der Visa-Erteilung kommen können, falls die Flüge stattgefunden hätten. Damit wurde indirekt das Innenministerium attackiert, das diese Darstellung prompt zurückwies. Man habe bereits im Mai erklärt, dass alle Verfahren auch in Deutschland nachgeholt werden könnten, falls die Sicherheitslage in Afghanistan Verfahren vor Ort nicht mehr zuließen, hieß es von dort.

Nach einer geheimen Sitzung des Parlamentarischen Kontrollgremiums sehen die Geheimdienstkontrolleure des Bundestags noch erheblichen weiteren Aufklärungsbedarf. Offenbar liegt das Problem aber weniger darin, dass Behörden, Dienste und andere Quellen keine Informationen aus Afghanistan geliefert haben, sondern welche Schlüsse die Regierung mit Blick auf die nahende Bundestagswahl daraus gezogen hat. "Es drängt sich der Eindruck auf, dass Teile der Regierung auf Zeit spielen wollten und gedacht haben, man hätte diese Zeit noch", sagte der Grünen-Abgeordnete Konstantin von Notz zur SZ.

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