Süddeutsche Zeitung

Taiwan:Virus überfällt Inselstaat

Nach Monaten ohne jede Corona-Infektion kehrt der Erreger plötzlich nach Taiwan zurück. Kaum jemand ist dort geimpft. Die Regierung schließt Schulen und verhängt Einreiseverbote.

Von Lea Sahay

Lange Schlangen in Supermärkten, ausverkaufte Konserven, Notstand beim Toilettenpapier: Die Bilder aus Taiwan in diesen Tagen erinnern an die ersten Wochen der Corona-Krise in Deutschland. Dabei gehörte das demokratische Taiwan bereits seit vergangenem Sommer zu den wenigen Ländern, in denen das normale Leben, wie es vor der Pandemie war, weitestgehend zurückgekehrt war.

Monatelang gab es keine einzige lokale Neuinfektion. Cafés und Restaurants hatten geöffnet, Kinder konnten in die Schule gehen. Die Wirtschaft wuchs, sogar schneller als im Nachbarland China. Lediglich die Atemschutzmasken erinnerten noch an die Pandemie, die im Rest der Welt wütete.

Doch die Angst ist zurück, seit vergangene Woche fast 1000 neue Ansteckungen im Land registriert wurden. Ausgelöst wurde der stärkste Ausbruch seit Beginn der Pandemie womöglich durch Piloten, die das Virus aus dem Ausland mit auf die Insel brachten.

Bisher galt Taiwan als Vorbild in der Krise, es war gut vorbereitet und reagierte zügig auf das Virus. In dem Land mit 24 Millionen Einwohnern infizierten sich seit Beginn der Pandemie nur 2260 Personen, ein Großteil von ihnen waren Reisende aus dem Ausland. Gerade einmal 14 Menschen, die positiv auf das Coronavirus getestet worden waren, starben. Dabei verhängte das Land nie einen landesweiten Lockdown, der wie in China oder Australien jede Betriebsamkeit stoppte.

Erfahrungen mit Virusvarianten fehlen

Als Reaktion auf die neuen Zahlen haben die Behörden nun landesweit die dritte Corona-Warnstufe ausgerufen. Schulen bleiben von Mittwoch bis mindestens Ende kommender Woche geschlossen. Treffen von mehr als zehn Personen im Freien und mehr als fünf Personen in Räumen sind verboten.

Die Demokratie vor der Küste Chinas hatte zwar als eines der ersten Länder weltweit zügig auf den Ausbruch des damals noch unbekannten Coronavirus in Wuhan reagiert und bereits Ende Dezember 2019 Einreisebeschränkungen aus China verhängt. Bis heute herrschen strenge Grenzkontrollen und ein Quarantäne-Regime, das zu den restriktivsten weltweit zählt.

Anders als anderen Ländern fehlen Taiwan aber durch den frühen Erfolg im Kampf gegen den Erreger Erfahrungen mit Mutanten wie der britischen Virusvariante, die als hochansteckend gilt. Die Sorge ist auch deshalb groß, weil die Gesundheitsbehörden diesmal nicht in der Lage sind, die jüngsten Ausbrüche zu ihren Ursprüngen zurückzuverfolgen. Bei früheren Infektionen war das meist gelungen. Kritiker bemängeln zudem, dass die Menschen nach den Monaten ohne Neuinfektionen zu nachlässig geworden seien.

Verschärft wird die Situation in Taiwan durch die niedrige Zahl Geimpfter. Zwar wurden seit Ende März 320 000 Dosen Astra Zeneca an den Inselstaat geliefert. Doch lediglich die Hälfte des Impfstoffs wurde seitdem geimpft. Wie im Nachbarland China haben auch in Taiwan viele Bewohner angesichts niedriger Infektionsraten keine Notwendigkeit darin gesehen, sich unverzüglich impfen zu lassen.

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