Tagebücher aus der NS-Zeit:"Wer da nicht geweint hat, ist kein Deutscher"

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NSDAP-Funktionäre und Offiziere sehen mit Kleinkindern spielenden Frauen zu, 1939

Die Partei ist immer dabei: Frauen spielen 1939 mit ihren Kindern bei einem Empfang, dahinter NS-Funktionäre.

(Foto: Scherl/SZ Photo)

Historiker Janosch Steuwer analysiert, was Deutsche in der NS-Zeit in ihre Tagebücher notierten. Viele Autoren versuchten, die Diktatur mit sich in Einklang zu bringen - aber keine Nazis zu sein.

Rezension von Knud von Harbou

Inspiriert wohl von Sebastian Haffners unmittelbar im englischen Exil 1938 begonnener Autobiografie "Geschichte eines Deutschen", hat sich der in Zürich lehrende Historiker Janosch Steuwer der Erfahrungs- und Gesellschaftsgeschichte der Etablierung des Nationalsozialismus zugewandt. Es war ja Haffner, der als einer der Ersten darauf verwies, dass "die Nazi-Revolution die alte Trennung zwischen Politik und Privatleben aufgehoben" habe.

Steuwer knüpft in seiner Analyse des Begriffs "Volksgemeinschaft" daran an: Wie bestimmten die Zeitgenossen ihr eigenes Verhältnis zum neuen Regime mitsamt neuen ideologischen Grenzziehungen, aber auch Veränderungen ihrer Position im alltäglichen Sozialgefüge. Bestehende Lebensweisen und Selbstreflexionen wurden plötzlich hinterfragt und neuen politischen Kategorien angepasst.

Dadurch tauchte eine neue Form der Privatheit auf, die der Autor anhand von etwa 140 bisher unveröffentlichten Tagebüchern der Jahre 1933 bis 1939 untersucht. Er attestiert diesen Quellen systematische Einsichten in das NS-Regime, wie sie anderswo hätten nicht erreicht werden können.

Man denke nur an die Tagebücher von Victor Klemperer. Steuwer trennt sie klar von retrospektiven Selbstzeugnissen wie Autobiografien oder Erinnerungen. Er wertet sie als Quelle sui generis, vor allem weil ihre Verfasser "den Stoff nicht vollständig kennen und nicht autonom über ihn verfügen können".

Mit der Zuschreibung einer antifiktionalen Authentizität der Tagebücher (vielfach aus dem Fundus des Deutschen Tagebucharchivs Emmendingen) versucht er einen neuen Zugang zum Wandel konkreter Verhaltensweisen nach dem Beginn der NS-Herrschaft zu rechtfertigen. Eine solch strukturelle Herangehensweise scheint wissenschaftliches Neuland zu sein.

Unterlegt von der generellen Frage nach der Bedeutung des Tagebuchschreibens für den Umgang mit der individuellen Herausforderung des NS, gleicht Steuwer alltägliches Verhalten mit der Lebenswirklichkeit ihrer Verfasser ab, um schließlich anhand vieler Gesprächswiedergaben in den Einträgen ihre Eigenwahrnehmung zu überprüfen. Damit nimmt er den Faden des Anfang der 1980er-Jahre abgeschlossenen Forschungsprojekts "Bayern in der NS-Zeit" auf.

Die soziale Dynamik der "Machtergreifung"

Dort ging es um die Vermittlung von Verhalten, nicht um Gewinnung historischer Erkenntnisse. Diese aber beansprucht Steuwer nun durch die Verschränkung individueller Lebensweisen mit Wahrnehmungen historischer Realitäten gewissermaßen aus dem Blickwinkel der Zeitgenossen heraus. Eine "history from within", statt der üblichen historiografischen Rückschau.

Dabei bedient er sich eines veränderten Gesellschaftsbegriffs, der nicht mehr auf Strukturen und langfristige Entwicklungstrends zurückgreift, sondern mittels kulturgeschichtlicher Ansätze die NS-Gesellschaft als spezifische soziale Konfiguration begreift, eindrucksvoll unter dem Topos "Volksgemeinschaft" abgehandelt.

Janosch Steuwer kritisiert, dass Tagebücher insgesamt in der Forschung zu wenig Aufmerksamkeit gefunden haben, daher auch nur wenig zum Verständnis der subjektiven Dimension des NS beigetragen konnten, weil sie "hiernach schlicht nicht fragen". So lautet seine zentrale Intention denn auch, anhand der Tagebücher der 30er-Jahre "das Spannungsverhältnis zwischen Herrschaft und Gesellschaft und somit die unterschiedlichen Formen des Erleidens, Erwehrens und Mitmachens der jeweiligen Verfasser" zu demonstrieren.

Mit großem Gewinn kann man so die Reaktion der damaligen Bevölkerung auf den Beginn der NS-Herrschaft und die soziale Dynamik, welche die "Machtergreifung" durch die Forderung nach individueller Einordnung entfaltete, nachvollziehen. Ebenso das Herantasten an eine individuelle Einordnung zum neuen Regime wie auch den sozialen Prozess einer Positionierung im NS-Regime.

Aus unmittelbarer Nähe lässt der Autor den Prozess allmählicher, ständig anwachsender, individueller wie kollektiver Isolation spürbar werden, welche die Bewohner einer Berliner Straße zu Fremden in der ihnen bislang so vertrauten Umgebung macht. Sehr subtil wertet er die beginnenden strukturellen Restriktionen im Sozialleben anhand der Tagebucheintragungen aus.

Unter dem Mantel der Euphorie über Hitlers Ernennung zum Reichskanzler ("Wer da nicht geweint hat, hat kein Herz in der Brust und ist kein Deutscher") kristallisierte sich schnell die Forderung heraus, "heute ist jeder ob Freund, Feind oder Neutraler gezwungen, zum Nationalsozialismus Stellung zu nehmen."

Darüber hinaus aber offenbaren die Tagebuchnotizen das ungleich drängendere Problem der persönlichen Zuordnung. Wer wollte schon in soziale Isolation geraten oder sich eigene Lebenschancen verstellen, indem man sich abseits stellte (notgedrungen erließ die NSDAP bis Mai 1933 einen Aufnahmestopp für neue Mitglieder, "um dem Massenandrang Herr zu werden")? Tagebücher wurden zu einem geschützten Raum individueller Reflexion, zumal öffentliche Kommunikation einer bis dahin unbekannten massiven Kontrolle unterlag.

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