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Tag der Deutschen Einheit in München:Lammert fordert mehr Einsatz für Europa

Eindringlicher Appell: Bei den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit warnt Bundestagspräsident Norbert Lammert vor einer neuen Rivalität der EU-Staaten und dringt auf die Weiterentwicklung Europas - auch im deutschen Interesse.

Weiß-blau strahlt der Himmel über München. In der Innenstadt drängeln sich die Menschen - aber es ist nicht nur das Oktoberfest, das an diesem Tag die Massen anlockt: In der bayerischen Landeshauptstadt finden in diesem Jahr die zentralen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit statt.

Beim Festakt in der Staatsoper hat Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) die "europäische Dimension" der Wiedervereinigung betont. "Ohne die Überwindung der Spaltung Europas wäre die deutsche Einheit nicht möglich gewesen", sagte Lammert im Nationaltheater. "Die Wiederherstellung der staatlichen Einheit unseres Landes war umgekehrt Voraussetzung für das Zusammenwachsen Europas."

An der zentralen Einheitsfeier in München nahmen viele deutsche Spitzenpolitiker teil, darunter Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der designierte Bundesratspräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und Andreas Voßkuhle, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts.

Zuvor hatten sie einen ökumenischen Gottesdienst in der Kirche St. Michael gefeiert. Vor mehr als 1500 Gästen hoben dabei auch Kardinal Reinhard Marx und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm die besondere Verpflichtung Deutschlands für die Zukunft Europas hervor. Beide warnten vor deutschen Alleingängen oder deutscher Überheblichkeit.

Lammert warnte im Nationaltheater beim offiziellen Festakt vor einer neuen Rivalität von Nationalstaaten als Reaktion auf die Euro-Schuldenkrise. Die Weiterentwicklung Europas liege "im deutschen Interesse". Lammert mahnte: "Nur in Europa, zusammen mit unseren Nachbarn und Partnern in der europäischen Gemeinschaft können und wollen wir sichern, was wir im Lied der Deutschen als unsere gemeinsamen Ziele proklamieren: Einigkeit und Recht und Freiheit."

Wenn der Integrationsprozess nicht weiter vorankomme, "dann hätte Europa seine Zukunft hinter sich - und jeder einzelne Staat ganz gewiss". Lammert betonte: "In Europa müssen wir heute keine Mauern mehr zum Einsturz bringen, aber um Europa zu vereinigen, braucht es wiederum besonnene und weitsichtige Politik." Notwendig seien zudem Bürger, "die sich für die gemeinsame Idee Europa engagieren".

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) würdigte zu Beginn des Festakts die Aufbauleistung der Ostdeutschen nach der Wende. "Viele Menschen haben nach dem Fall der Mauer die Chance ergriffen und dabei große Brüche erleben müssen. Für diese Anpassungsprozesse sollten wir den Menschen in Ostdeutschland großen Respekt zollen", sagte der amtierende Bundesratspräsident, der am Nachmittag die Präsidentschaft an seinen baden-württembergischen Amtskollegen Kretschmann übergibt.

Auf den Straßen der Innenstadt drängen sich unterdessen mehrere Hunderttausend Menschen. Auf der Ländermeile zwischen Odeonsplatz und Siegestor präsentieren sich alle Bundesländer und auf verschiedenen Bühnen wird ein buntes Musik- und Unterhaltungsprogramm präsentiert.

Auch die Bundeshauptstadt feiert den 22. Jahrestag der Deutschen Einheit wieder mit einem Volksfest am Brandenburger Tor. Viele Familien spazierten in Berlin über die Straße des 17. Juni. Im sächsischen Landtag kritisierte der Schriftsteller Uwe Tellkamp den Verlust von Maßstäben und Werten bei der Globalisierung. "Es ist Zeit für eine Besinnung", sagte der Autor des Romans "Der Turm" in Dresden. Globalisierung sei wichtig und "wahrscheinlich richtig". Es drohten aber menschliches Maß und Werte wie Rücksicht und Vernunft vergessen zu werden.

© Süddeutsche.de/dpa/dapd/tob

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