Tabubruch Der Papst und das "Große Böse"

"Entsetzliche und unerhörte Tragödie": Papst Franziskus und der armenisch- apostolische Patriarch Karekin II. beim Gedenkgottesdienst für den Völkermord.

(Foto: Gregorio Borgia/AP)

Franziskus nennt die Untaten an den Armeniern beim Namen - und zieht sich damit den Zorn Ankaras zu.

Von Oliver Meiler

Ein Begriff mit der Macht einer Springfeder, auch hundert Jahre nach dem Geschehen: Genozid, Völkermord. Der Papst hatte die Wahl. Er hatte viel Zeit, um sich seine Wahl gut zu überlegen. Und er entschied sich am Ende für jenen Terminus, von dem er wusste, dass es die diplomatische Irritation Ankaras automatisch befördern würde. Doch das hinderte ihn nicht daran, ihn auszusprechen. Eher im Gegenteil.

Im Petersdom zu Rom saßen am Sonntag alle politischen und religiösen Obrigkeiten aus Armenien in der ersten Reihe, als Franziskus die "entsetzliche und unerhörte Tragödie" des armenischen Volkes im Ersten Weltkrieg in einen Kontext stellte: "Die Tragödie", sagte er, "die man gemeinhin den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts nennt, hat euer armenisches Volk getroffen, die erste christliche Nation." Erwähnung fanden in der historischen Aufzählung auch der Genozid der Nazis an den Juden, jener Stalins und Pol Pots, die Völkermorde in Burundi, Ruanda, Bosnien.

Der Rede des Papstes hörte man nicht an, dass die zentrale Passage ein Zitat war. Im transkribierten Text, vom Vatikan veröffentlicht, ist sie an- und abgeführt: "erster Völkermord des 20. Jahrhunderts". Franziskus bezog sich auf eine Erklärung, die sein Vorvorgänger Johannes Paul II. im Jahr 2000 zusammen mit dem armenisch-apostolischen Patriarchen Karekin II. unterzeichnet hatte. Der Pole war der erste Papst, der jene blutigen, opferreichen Ereignisse als Genozid beschrieb und so allen Unmut der offiziellen Türkei auf sich lud. Als Karol Wojtyla im Jahr danach Armenien besuchte, verzichtete er darauf, die Definition auch öffentlich zu gebrauchen: Statt Genozid sagte er den armenischen Begriff "Metz Yeghérn", "das Große Böse".

Der Vatikan will auf Verfolgungen von Christen heute hinweisen

So hielt es auch Benedikt XVI., der im Zusammenhang mit den Gräueltaten gegen die Armenier nie von Völkermord sprach. Franziskus ist da direkter. Zum diplomatenhaft vorsichtigen, unverfänglichen Reden fehlt ihm ohnehin das nötige Flair. Hinter vorgehaltener Hand klagen kuriale Kreise gern über seine spontanen, nicht selten kontroversen gesellschaftspolitischen Äußerungen. Doch in diesem Fall darf man annehmen, dass der Argentinier ganz bewusst so redete, wie er redete. Als Jorge Mario Bergoglio noch Erzbischof von Buenos Aires war, stand er der christlichen Gemeinde der Armenier Argentiniens und deren Schicksal besonders nahe. 2013, nun als Papst, sprach er im privaten Kreis bereits von "Völkermord" an den Armeniern, was prompt bis nach Ankara drang. Dementieren mochte der Vatikan nicht.

Das eigentliche Ziel von Franziskus' sonntäglicher Rede war wohl nicht die Provokation der türkischen Befindlichkeit, sondern, wie es die Zeitung Corriere della Sera schreibt, ein Versuch, die Weltöffentlichkeit für die Verfolgung der Christen in der heutigen Zeit zu sensibilisieren: "Es sieht so aus", sagte der Papst, "als schaffe es die Menschheit nicht, das Vergießen unschuldigen Blutes zu unterlassen." Trotz der Lehren aus der Geschichte.

Der Vatikan schickt eine Delegation zur Gedenkfeier am 24. April nach Eriwan. Franziskus hatte eine Weile mit dem Gedanken gespielt, selber auch hinzufahren, um der Präsenz der katholischen Kirche alles nur erdenklich mögliche symbolische Gewicht zu verleihen. Doch dann ließ er sich offenbar davon überzeugen, dass seine Reise nicht zum Frieden in der Region beitragen würde.