Tabakwerbung:Gefahr verharmlost

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Endlich ringt sich auch die Union zu Maßnahmen gegen die Beschönigung des Rauchens durch. Warum nicht schon früher?

Von Rainer Stadler

Zugegeben, wer heute ohne Reue genießen will, braucht ein dickes Fell. Es häufen sich die Studien, die vor Fleisch, Schokolade, Alkohol und praktisch allem warnen, was nicht nur der Ernährung dient, sondern auch urmenschliche Gelüste befriedigt. Bei vielen Menschen haben die berechtigten Hinweise zu Abstoßungsreaktionen geführt statt zur erhofften Verhaltensänderung. Mit schlechtem Gewissen werden Warnungen in den Wind geschlagen. Zuweilen ertönt die Klage über das "kulinarische Zölibat" oder das "Ernährungskalifat", von dem der moderne Mensch angeblich unterjocht wird. Lange Zeit sahen sich auch Tabakfreunde als Opfer dieser vermeintlichen Verbotskultur, sie konnten mit dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt einen überzeugenden Botschafter für stilvolles Rauchen vorweisen. Doch das ist Geschichte.

Vier Jahre nach dessen Tod haben sich CDU und CSU nun zu einem Werbeverbot für Tabakprodukte durchgerungen. Vom 1. Januar 2021 an, so heißt es in einem Positionspapier, soll es keine Kinowerbung mehr für Tabakprodukte geben, bei Filmen für Jugendliche unter 18. Ein Jahr später sollen keine Plakatwände für herkömmliche Tabakprodukte mehr erlaubt sein. Von 2024 an soll das Werbeverbot auch für E-Zigaretten gelten.

Das sind bemerkenswerte Schritte. Schließlich nehmen CDU und CSU für sich in Anspruch, keine Verbotsparteien zu sein. Andererseits: Es geht nicht darum, mündigen Bürgern vorzuschreiben, wie sie sich verhalten sollen. Wer glaubt, Zigaretten genießen zu müssen, kann das tun. Niemand fordert ein Verbot von Zigaretten, so dass sich Raucher künftig bei Dealern eindecken müssten. Es geht um ein Werbeverbot, das nötig wird, um höherrangige Güter wie die Gesundheit und die Jugend zu schützen. Das hat die Union nun erkannt. Warum so spät?

Seit Jahrzehnten ist wissenschaftlich unbestritten, dass Tabakkonsum krank macht und tödliche Folgen haben kann. Laut Weltgesundheitsorganisation sterben Jahr für Jahr acht Millionen Menschen an den Folgen des Tabakkonsums, in Deutschland sind es allein 120 000. Den wirtschaftlichen Schaden, den das Rauchen allein in Deutschland verursacht, haben verschiedene Studien auf bis zu 80 Milliarden Euro beziffert.

Kaum zu fassen, dass die Bundesregierung noch Ende der Neunzigerjahre eine EU-Richtlinie für ein Tabakwerbeverbot vor Gericht zu Fall bringen wollte. Peinlich die Reaktion der Medienbranche auf das Tabakwerbeverbot in Radio, Print und Online durch die EU im Jahr 2006: "Fatale Folgen für Marktwirtschaft und Demokratie" sagte der Verband der Zeitschriftenverleger voraus. Lächerlich die Warnungen der Gastronomieverbände vor einem flächendeckenden Kneipensterben, als die Bundesregierung 2007 ihr Nichtraucherschutzgesetz beschloss.

Nichts davon ist eingetreten. Aber noch immer beginnen Jahr für Jahr Zehntausende Jugendliche das Rauchen - und geraten in eine Sucht, von der auch viele Erwachsene nur schwer loskommen. Deswegen darf und muss eine aufgeklärte Gesellschaft die Warnung aussenden, dass Rauchen - anders als Schokolade, Chips oder Bier - schon in geringen Dosen die Gesundheit gefährdet. Erst recht muss sie Kinospots wie auch Werbeplakate verbieten, deren Zweck darin besteht, gerade junge Menschen zu schädlichem Verhalten zu verführen.

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