Angela Merkel:"Ich muss alles geben!"

Merkel beim 'Forum Politik'

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beim Forum Politik von Deutschlandfunk und Phoenix in Berlin.

(Foto: dpa)
  • Im ersten großen Fernsehinterview nach ihrem Sommerurlaub betont Kanzlerin Angela Merkel, dass die Wahl noch nicht gewonnen sei.
  • Sie weist die Forderung von SPD-Spitzenkandidat Schulz zurück, die Flüchtlingsverteilung in der EU an Haushaltsfragen zu koppeln.
  • Merkel lobt, dass beide Spitzenkandidaten Pro-Europäer seien.

Von Jakob Schulz, Berlin

Vielleicht ist ihr diese ständige Frage lästig: Ist der Wahlkampf nicht schon längst entschieden? Können wir nicht alle bis zum 24. September Urlaub machen? Doch selbst wenn, lässt sie es sich nicht anmerken. Natürlich wird Kanzlerin Angela Merkel nun daran erinnert, dass sie noch vor wenigen Monaten sagte, einen schwierigen, vielleicht den schwierigsten Wahlkampf zu erwarten. Angesichts der Umfragen zur Bundestagswahl wirkt das mittlerweile drollig, führen doch CDU/CSU mit gewaltigem Vorsprung vor der SPD. Hat sich die Kanzlerin mit ihrer Einschätzung also geirrt? Merkel entscheidet sich für die Variante gewitzter Gegenangriff: "Finden Sie es einfach? Ich muss alles geben!" Heiterkeit im Saal.

Das Forum Politik von Deutschlandfunk und Phoenix in Berlin dürfte zu den angenehmeren Wahlkampfauftritten der Kanzlerin gehören. Vor dem Interview herrscht einen unerwarteten Moment lang Stille, dann brandet erst einmal wohlwollender Applaus auf. Angela Merkel wirkt tiefenentspannt. Das mag der Urlaub in den Bergen gewesen sein; die weltpolitische Lage ist es sicherlich nicht. Während die USA und Nordkorea nicht nur rhetorisch hochrüsten, mahnt Merkel eine diplomatische Lösung des Streits an. "Deutschland wird da an der Seite der Vernunft stehen", sagt sie.

Zeitweise wirkt Merkel nicht wie eine Politikerin, die für ihre Wiederwahl wirbt, sondern wie eine Elder Stateswoman, die frei von der Last des politischen Tagesgeschäfts über die großen Linien räsoniert. Nordkorea, Mali, Nato, Europa, Flüchtlingskrise - Merkel zeichnet das Bild einer herausfordernden Welt, in der Deutschland aber bereits die richtigen Wege eingeschlagen habe und nur mehr weitergehen müsse. Doch sie übt auch Selbstkritik. So habe sich Deutschland mit der Dublin-Regelung sehr lange wohlgefühlt, wonach Flüchtlinge in dem Land Asyl beantragen müssen, in dem sie Europa zuerst betreten haben.

Wer ist Merkels natürlicher Partner?

Von der Idee des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz, die Flüchtlingsverteilung in der EU mit Haushaltsfragen zu verknüpfen, hält Merkel nichts. Einzelne Staaten sollen sich nicht einfach von der Verpflichtung freikaufen können, Flüchtlinge aufzunehmen. "Das ist nicht die europäische Solidarität, die ich mir vorstelle", sagt Merkel. Schulz hatte vorgeschlagen, dass EU-Staaten, die keine oder viel zu wenige Flüchtlinge aufnehmen, die Zahlungen aus Brüssel gekürzt werden.

Was darf Deutschland erwarten, wenn die Union bei der Bundestagswahl die meisten Stimmen bekommt? Die Frage nach dem "natürlichen Partner FDP" kontert Merkel mit Verweis auf die bayerische Schwesterpartei: "Wenn es einen natürlichen Partner gibt, dann ist es die CSU." Einen Hinweis auf mögliche Koalitionen nach der Wahl gibt sie nicht. Sie bekräftigt aber, keine Partnerschaft mit der AfD oder den Linken eingehen zu wollen. Natürlich geht es auch um ihren sozialdemokratischen Herausforderer, Martin Schulz. Den habe sie weder unter-, noch überschätzt, sagt Merkel. Stattdessen schätze sie, dass beide Kandidaten um das Amt des Bundeskanzlers pro-europäisch seien, auch wenn sie sich um die besseren Wege streiten mögen.

"Hoch und runter gehören einfach zusammen", sagt Merkel noch, allerdings spricht sie da über ihren gerade beendeten Wanderurlaub in den Bergen. Knapp sechs Wochen sind es noch bis zur Bundestagswahl Ende September. Angesichts der Wahlumfragen spricht einiges dafür, dass diese Weisheit für die Wandererin Angela gelten mag, aber eher weniger für die Kanzlerin Merkel.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema