Glosse:Das Streiflicht

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(SZ) Dass ein Sportler zur Heiligenfigur verklärt wird, ist nichts Neues. Solche Überhöhungen gehören zur Folklore eines Lebensbereichs, in dem jeder halbwegs Interessierte weiß, was die Hand Gottes ist. Und in welchem Fußballspiel sie ins Geschehen eingegriffen hat. Wer aber die zielführende Bewegung dieser Hand noch in Erinnerung hat, der wird auch noch den Fußballer Anthony Yeboah kennen, dessen Fans nannten sich die "Zeugen Yeboahs", und sie konnten sich sicher sein, dass ausgerechnet ihnen ein Heiland yeboahn sei. Und nein, das ist kein schlechtes Wortspiel. Für schlechte Wortspiele sind, auch im Spannungsbereich zwischen Himmel und Erde, selbstverständlich die Kollegen von der Bild zuständig: "Dreierpack bei Debüt: Heiland Haaland." O Gott.

Ach, Gott: In den Siebzigern war auf Schalke der begnadete Dribbler Reinhard Libuda für die Wunder zuständig. Irgendwann hing die Werbung eines Predigers an einer Litfaßsäule. Aufdruck: "An Gott kommt keiner vorbei", handschriftlich ergänzt von einem Schalke-Fan: "Außer Libuda". Schöne Geschichte, vielleicht auch nur schön erfunden. Egal. Die Auseinandersetzung mit dem Göttlichen war immer Thema, im Sport, im Fußball. Im Tennis sowieso, wo die große Französin Suzanne Lenglen "die Göttliche" genannt wurde, obwohl - oder weil - sie bisweilen im Pelzmantel den Platz betrat. Aber wer sagt denn, dass jemand, der göttlich wirkt, bescheiden zu sein hat. Und wer sagt denn, dass ein Athlet, der nach dem Training Adiletten an den Füßen hat, nicht in Wahrheit Jesuslatschen trägt. Mit dem inneren Auge der Fantasie kann man es bestimmt so sehen, wie es Srdjan Djokovic sieht, der Vater des Tennisspielers Novak Djokovic: "Sie haben Jesus gekreuzigt, jetzt kreuzigen sie Novak." Keine schöne Geschichte, und noch nicht mal erfunden.

Denn der mutmaßlich ungeimpfte Jahrhundertspieler Djokovic, genannt Djoker, hatte die Papiere nicht beisammen, die er brauchte, um in Australien einzureisen und dort Tennis zu spielen. Dass er gekreuzigt worden wäre, kann nur behaupten, wer die Aberkennung eines Visums mit einer Kreuzigung gleichsetzt - was aber anmaßend wäre gegenüber allen, die schon mal gekreuzigt worden sind. Andererseits ist den Supermegastars im Weltsport und ihren Hintersassen grundsätzlich jeder Maßstab komplett verloren gegangen, dafür ist die Erzählung von Jesus Djoker ein passendes, ein vielsagendes Beispiel. Da hatte früher der Gladbacher Fußballweltmeister Berti Vogts doch einen angenehm klaren Blick auf die Dinge, und vor allem auf das Jesusartige in ihm selbst. Denn Vogts, dem Vielkritisierten und ewig Unterschätzten, rutschte mindestens einmal ein Satz für die Ewigkeit raus: "Wenn ich übers Wasser laufe, dann sagen meine Kritiker: Nicht mal schwimmen kann er." Keine Frage: die Weisheit eines Fußballgottes.

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