SZ-Serie "Schaffen wir das?", Folge 6 "Wie Widerstandskämpfer im eigenen Land"

"Wir schaffen das", hat Bundeskanzlerin Angela Merkel gesagt, "und dort, wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden". Dieser zweite Teil des Satzes ist dem Ehrenamtlichen Reinhard Kastorff besonders wichtig.

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Reinhard Kastorff hilft Flüchtlingen - als einer von Millionen Ehrenamtlichen, ohne die es im Sommer 2015 wohl nicht gegangen wäre. Manche politische Entscheidung findet er "wirklich dumm".

Von Bernd Kastner

Eine Weile lang hat er Alois Glück zitiert, den sozialen CSU-Vordenker: "Nur wenn wir Zuwanderern die Hand reichen, können wir eine gelungene Integration erwarten." Reinhard Kastorff schreibt gerne Mails, und meist kopiert er unten eine Art Losung hinein, Glücks Satz hat er vor zwei Jahren verschickt. Während sich die CSU in Richtung Abwehr entwickelt hat, reicht Kastorff weiter die Hand.

Vieles täuscht auf den ersten Blick an diesem Mann mit dem weißen Vollbart. Sein Name klingt preußisch, und doch ist er Bayer durch und durch. Er war sein Leben lang Beamter, das hindert ihn aber nicht, seinen Kollegen in den Ämtern auf die Füße zu treten. Er ist im Ruhestand, arbeitet aber mehr als früher. Er hilft Flüchtlingen, aber ein Sozialromantiker ist er nicht. Wer zu ihm kommt, den fordert er.

Integration in Deutschland

Dieser Text ist Teil der SZ-Integrationsserie "Schaffen wir das?". Alle Folgen der Serie finden Sie hier.

"Sie, Herr Kastorff, ich hätte da eine Wohnung. Haben Sie jemand G'scheites?" Neulich habe wieder mal ein Vermieter angerufen, erzählt Kastorff, und gefragt, ob er nicht einen ordentlichen Mieter vermitteln könne, einen der Flüchtlinge. Kastorff konnte, klar. Kastorff kann meistens, wenn es gilt, Einheimische mit Zugewanderten zusammenzubringen, bei der Wohnungssuche oder im Job. "Win-win" nennt er das. Kastorff ist zum Integrationsmanager geworden, ehrenamtlich, versteht sich.

"Man ist politisch einfach zu feige, die Spreu vom Weizen zu trennen", sagt Kastorff

"Ich bin entsetzt, dass wir als Ehrenamtliche, wie Widerstandskämpfer im eigenen Land, Geflüchtete oft mit List und Tücke vor formalem Wahnsinn und politischem Unsinn schützen müssen." Dieser Satz findet sich auch unter diversen Mails, da hat Kastorff sich selbst zitiert. Er gehört zu denen, die immer wieder an den zweiten Teil des berühmten Kanzlerin-Satzes erinnern. "Wir schaffen das", hat Angela Merkel 2015 gesagt, "und dort, wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden, muss daran gearbeitet werden." Kastorff ist einer von mehr als sechs Millionen Deutschen, die das Behindernde beiseite räumen; auf diese enorm hohe Zahl ist das Allensbach-Institut in einer repräsentativen Studie gekommen. Wenige helfen so intensiv wie Reinhard Kastorff.

2011 startete er sein Aktivisten-Leben. Im früheren Ökonomiegebäude des Schlossguts Isareck quartierte das Landratsamt Freising 20 Iraker und Afghanen ein. Kastorff brachte ihnen ein Fahrrad und sah, was den Flüchtlingen sonst noch alles fehlte. Teppiche, aber vor allem Lotsen fürs neue Land. Später hat er die Initiative Ilmo gegründet, "Integratives Leben in Moosburg". Ilmo, das sind Kastorff und seine Frau Marianne. Ihr Hauptquartier liegt im Keller ihres Reihenhauses. Wo die Decken niedrig sind, hat er ein Büro eingerichtet, klein ist es, aber immer noch geräumiger als sein Wohnwagen. Mit dem betagten Anhänger fährt Kastorff in die Berge, alleine, um ungestört mit dem Notebook sein Integrations-Geschäft zu betreiben.

Reinhard Kastorff, freischaffender Asylaktivist im CSU-Kernland.

(Foto: Bernd Kastner)

In jungen Jahren hat Kastorff im Münchner Ordnungsamt gearbeitet und im Büro des Zweiten Bürgermeisters, eines CSU-Mannes, später war er in leitenden Positionen in kommunalen Kliniken tätig. So kennt Kastorff beide Seiten des Schreibtisches, er nennt sich "Ämterlotse" und weiß zu vermitteln, wenn es hakt. Er dokumentiert sein Tun in einer Excel-Tabelle mit dem Titel "Nachhaltig Betreute". Hier stehen derzeit an die 30 Namen. Aus den Kästchen ist herauszulesen, ob einer anerkannt ist als Flüchtling, ob ein Gerichtsverfahren läuft, wer einen Integrationskurs absolviert hat, eine Wohnung hat und einen Arbeitsplatz. Nur, aus welchem Land einer stammt, das steht nirgends. Nicht die Staatsbürgerschaft ist ihm wichtig, sondern allein, dass er dem Zugewanderten hilft, und damit auch der einheimischen Bevölkerung. Win-win. Er tue das, sagt er, um den sozialen Frieden zu verteidigen, und die demokratischen Werte; der Schutz von Minderheiten ist ihm ein Anliegen.

In Kastorffs Tabelle ist auch vermerkt, wie eng er die Menschen begleitet, die Skala reicht von eins bis drei, eins steht für sehr intensiv. Auf Seite zwei findet sich der Name eines jungen Afghanen, hinter ihm stand mal eine Eins, das war, als der regelmäßig am Esszimmertisch der Kastorffs saß. Im Erdgeschoss ist alles so eingerichtet, wie man es von einem bayerischen Ehepaar erwartet, zweckmäßig und gediegen. Aber die Flüchtlinge, die ein- und ausgehen, dürfen nicht erwarten, von Oma und Opa betüttelt zu werden. Was hat dieser junge Afghane nicht alles zu hören bekommen, guten Rat, aber auch Kritik. Kastorff war sein Betreuer, er hat seine Finanzen kontrolliert und ihm seinen Lohn nur portionsweise ausgehändigt, weil der junge Mann schlecht mit Geld umging. Am Ende hat alles nichts gebracht, der Afghane wurde verurteilt, weil er gegen eine Bewährungsauflage verstoßen hatte, es war ein Streit unter Afghanen. Seinen Job hat er verloren und den Kontakt abreißen lassen.

Enttäuschungen gehören dazu, das müssen viele Helfer lernen. Manche frustriert das so, dass sie hinschmeißen. Auch er, sagt Kastorff, ärgere sich mal, wenn ein Betreuter nicht tue, was er, der Helfer, für sinnvoll halte. Warum bloß?, frage er sich dann. Mitunter sei einer so traumatisiert vom Erleben in seiner Heimat, dass er nicht anders kann. Dieses Verstehen helfe, sagt Kastorff, sich emotional nicht runterziehen zu lassen von der Enttäuschung.

  • Merkel hat vor drei Jahren gesagt: "Wir schaffen das!" Was ist aus den Flüchtlingen geworden, die seit 2015 geblieben sind? In der Serie "Schaffen wir das?" gibt die SZ jede Woche Antworten.

Er und seine Frau reden Klartext. Marianne Kastorff kann es zum Beispiel überhaupt nicht leiden, wenn eine Frau Kopftuch trägt. Das sagt sie dann auch mal einer Muslima ins Gesicht, was nicht immer gut ankommt. Das Kopftuch ist für sie Zeichen des Nicht-dazugehören-wollens. Ihr Mann akzeptiert diese Kopftuch-Allergie seiner Frau, und sie nimmt hin, dass dem Mann seine Betreuten mitunter wichtiger sind als alles andere.

Und dass er sich aufregen muss: "Man ist politisch einfach zu feige, die Spreu vom Weizen zu trennen, und redet ständig vom sogenannten Pull-Effekt, der angeblich die ganze Welt zum Kommen ermuntern würde." Mit "Spreu" meint er Migranten, die es sich in der "sozialen Hängematte" bequem machen und sich nicht einbringen - die müssten gehen. Der "Weizen" sind für ihn die Fleißigen, die sich einlassen auf die neue Heimat. Für sie tut er alles, zum Beispiel für Nurullah B., Kastorff nennt den 35-Jährigen "das tapfere Schneiderlein". Das könnte man als paternalistisch auslegen, Kastorff aber meint es anerkennend. "Tapfer" ist B. ja tatsächlich.

Einen gut integrierten Menschen nach Hause zu schicken "ist doch wirklich dumm"

Der Asylantrag des Afghanen, der 2014 nach Deutschland kam, ist abgelehnt, noch läuft ein Gerichtsverfahren. B. hatte einen Ausbildungsplatz als Maßschneider gefunden, doch das Landratsamt verweigerte die Genehmigung. Als ein Richter das Nein kippte, legte das Amt eine neue Begründung vor. Wieder zogen Kastorff und B. vor Gericht, und schließlich lenkte das Landratsamt ein. Abgesehen von einem Minijob musste B. viele Monate "Däumchen drehen und dem Staat auf der Tasche liegen", sagt Kastorff. Seinen Ärger über bürokratischen Unsinn bringt er gerne zu Papier, er verfasst Newsletter und schickt sie an seine Förderer, die Geld geben. Kastorff berichtet ihnen, was er damit macht. Zum Beispiel dem Schneider die Verfahrenskosten vorschießen, um die 2500 Euro hat der Kampf für die Lehre gekostet. Immerhin, der Mann darf jetzt seine dreijährige Ausbildung absolvieren und dann noch zwei Jahre in Deutschland bleiben.

Kastorff hat sich politisiert, wie so viele Asylhelfer, er rebelliert gegen die Abschiebung von integrierten Flüchtlingen. "Es ist doch wirklich dumm", Menschen, die man seit Jahren als unbescholtene Nachbarn oder Kollegen kennt, die was gelernt haben, für die der Staat anfangs viel Geld ausgegeben hat, diese Menschen heimzuschicken und zugleich Fachkräfte in Asien anzuwerben, die Deutschland nicht kennen, aber Senioren versorgen sollen.

Lange hat Kastorff für den "Spurwechsel" gekämpft, damit abgelehnte, aber gut integrierte Flüchtlinge mit fester Stelle doch bleiben dürfen. Dass die große Koalition dies nun irgendwie anpeilt, freut Kastorff, aber er bleibt skeptisch. Zu oft habe er erlebt, wie restriktiv Regeln im Alltag ausgelegt werden, gerade in Bayern.

So sehr Kastorff schimpfen kann, er ist das Gegenteil eines Griesgrams. Manchmal muss er vor lauter Ärger schon wieder lachen, und dann zitiert er nicht Gandhi, der zum Schutz der Minderheiten aufruft, sondern Karl Valentin, den großen bayerischen Querdenker: "Wenn ein Fremder einen Bekannten hat, so kann ihm dieser Bekannte einmal fremd gewesen sein, aber durch das gegenseitige Bekanntwerden sind sich die beiden nicht mehr fremd!"

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