SZ-Serie "Schaffen wir das", Folge 13"Stark wie ein Löwe schaue ich nach vorne"

Hunderttausende Menschen sind seit 2015 nach Deutschland gekommen, viele flohen vor Krieg und Verfolgung. Nun träumen sie von einer Firmengründung, von Freiheit und Liebe - oder einfach von einer eigenen Küche.

Von Jasmin Siebert

Mein Schutzengel war ein Mann aus Nigeria

Rufta Essak, 21, aus Eritrea, seit 2014 in Deutschland:

"Ich bin zahnmedizinische Fachangestellte im zweiten Lehrjahr. Unser Team ist international, aber untereinander sprechen wir nur Deutsch. Alle sind so hilfsbereit, und ich wollte immer etwas arbeiten, wo ich auch meinen Kopf benutzen darf. Deswegen gefällt es mir hier so gut.

In der Grundschule war ich Klassenbeste, doch dann gab es keinen guten Unterricht mehr, weil viele Lehrer Eritrea verlassen hatten. Das erste Mal weggelaufen bin ich mit 13. Die Polizei steckte mich ins Gefängnis. Dort waren sogar neunjährige Kinder. Ich sollte zum Militär, doch ich wurde so krank, dass ich nach acht Monaten in Haft zurück zu meiner Familie durfte. Ich saß den ganzen Tag zu Hause, dabei wollte ich unbedingt eine gute Schule besuchen. Mit 15 bin ich mit meiner Cousine nach Äthiopien geflohen, zwei Jahre später alleine nach Europa. Auf dem Weg durch die Sahara war ich die Kleinste in unserer Gruppe. Mein Schutzengel war ein Mann aus Nigeria, so alt wie mein Papa. Er hat mich beschützt, als libysche Männer mich vergewaltigen wollten.

Das erste Jahr in München war schwierig für mich. Lange war ich allein für mich verantwortlich, plötzlich kümmerten sich Betreuer um mich und ich sollte um zehn zu Hause sein. Zwei meiner sechs Geschwister sind auch in Deutschland, aber ich möchte nicht bei ihnen leben. Ich möchte es allein schaffen. Zum Glück bin ich fast immer gut drauf. Inzwischen habe ich ein eigenes Appartement und ein Sparbuch. Ich spare für den Führerschein und um eines Tages meinen Papa in Israel zu besuchen. Ich habe ihn zuletzt gesehen, als ich neun war."

Bild: Alessandra Schellnegger 5. Dezember 2018, 14:172018-12-05 14:17:26 © Süddeutsche Zeitung/bepe