SZ-Serie "Schaffen wir das?", Folge 5 "Irgendwann habe ich meinen eigenen Betrieb"

Der Lehrling hat ein Ziel vor Augen: Meister werden. Aus der SZ-Serie "Schaffen wir das?"

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Eshagh Rezai hat sich mit 14 auf den Weg von Afghanistan nach Deutschland gemacht. Jetzt will er Schreiner werden - und hat einen besonderen Lehrer gefunden.

Von Benedikt Peters, Vilsbiburg

Da steht er also an der Kreissäge, und ehe er loslegt, fragt er lieber noch mal nach: "Das muss ich alles aus einem einzigen Brett herauskriegen, gell?" Der Meister nickt. Eshagh Rezai steht im Werkraum einer Schreinerei in Vilsbiburg, durch das Fenster sieht man sattgrüne, niederbayerische Wiesen und eine Christbaumzucht. Er arbeitet gerade an einem Garderobenschrank, in wenigen Sekunden hat Rezai die Schlagleisten ausgesägt. Als er fertig ist, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Es läuft gut bei Rezai, nicht nur an diesem Vormittag. Und das, obwohl seine Chancen nicht die besten waren.

Rezai hat pechschwarze, dichte Locken, er ist 18 Jahre alt, man hält ihn aber eher für Mitte zwanzig. Das mag an dem liegen, was er schon erlebt hat, oder auch daran, dass er trotz seiner Jugend genau weiß, was er will. "Schreinermeister werden", sagt Rezai, "irgendwann habe ich meinen eigenen Betrieb." Siegfried Asanger, sein Chef, steht neben ihm und nickt. "Das Zeug dazu hat er." Deshalb hat er Rezai auch eingestellt im Januar 2016, erst als Praktikanten, der immer freitags nach der Schule vorbeikam. Dann machte Asanger ihn zu seinem Lehrling.

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Dieser Text ist Teil der SZ-Integrationsserie "Schaffen wir das?". Alle Folgen der Serie finden Sie hier.

Rezai ist Afghane, und Afghanen haben es schwer auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Anders als Flüchtlinge etwa aus Syrien, dem Irak oder Somalia dürfen Afghanen während des Asylverfahrens keinen Integrationskurs besuchen, der schlechteren Bleibeperspektive wegen. Die Kurse aber sind wichtig, um Deutsch zu lernen und einen Job zu finden.

Rezai hatte großes Glück und kam in Genuss der "3+2-Regel"

Bei Rezai aber lief die Sache anders, was auch damit zu tun hat, dass er sich schon mit 14 Jahren auf den Weg gemacht hat. Seine Familie war vor den Kriegswirren in Afghanistan nach Iran geflohen. Viel besser aber sei das Leben dort nicht gewesen, sagt Rezai in gutem Deutsch. In Iran sei er immer wieder verprügelt worden, ein afghanischer Nachbar sei getötet worden. "Also habe ich mich auf den Weg gemacht."

Er habe sich bis ins türkische Izmir durchgeschlagen und sei dann mit einem selbstgekauften Schlauchboot auf eine griechische Insel übergesetzt. Via Balkanroute kam er nach Bayern, sein Asylgesuch wurde abgelehnt, er ist nur geduldet. In Vilsbiburg durfte er zur Schule gehen und lernte schnell Deutsch. In einem Berufsorientierungskurs sollte er aus Mörtel und Steinen eine Mauer bauen, was bei ihm besser klappte als bei anderen.

  • Merkel hat vor drei Jahren gesagt: "Wir schaffen das!" Was ist aus den Flüchtlingen geworden, die seit 2015 geblieben sind? In der Serie "Schaffen wir das?" gibt die SZ jede Woche Antworten.

Da wusste er, dass er etwas Handwerkliches machen wollte. Seine Vermieterin wiederum kannte den örtlichen Schreiner - und so landete er in der Asanger-Werkstatt. Rezai hatte großes Glück und kam in Genuss der "3+2-Regel", nach der geduldete Flüchtlinge eine dreijährige Ausbildung machen und anschließend zwei Jahre arbeiten dürfen. Und so muss er, anders als viele junge Landsleute, keine Angst vor Abschiebung haben, zumindest in den kommenden Jahren.

Asanger trägt einen mächtigen Schnauzbart wie sein berühmter Kollege, der Meister Eder, und er lächelt, als er sich an Rezais ersten Tag erinnert. "Nach der ersten Viertelstunde habe ich gedacht: Das wird was. Du merkst das einfach daran, wie jemand das Holz anfasst, wie jemand an der Säge steht." Rezai ist für Asanger nicht bloß ein Lehrling. Der Meister weiß, wenn "der Bub" in der Schule eine Eins geschrieben oder Ärger mit einer Lehrerin hat. Er weiß, was der junge Mann auf der Flucht durchgemacht hat und ob er gerade verliebt ist. "Na ja", brummt Asanger, "du musst halt miteinander reden können, wenn du zusammen auf Montage bist."

Und der Meister redet nicht nur viel mit Rezai, er hilft ihm auch, wenn es mal ein Problem gibt. Gerade bemühen sich die beiden um die Taskira, eine Art afghanischen Ausweis, den Rezai bei der Zwischenprüfung zum Schreinergesellen kommendes Jahr vorlegen muss. Dafür braucht Rezai eine Personalnummer aus dem Stammbuch seines Vaters, den er aber seit Wochen nicht erreichen kann. Der Lehrling weiß, was er an seinem Meister hat. Er siezt Asanger, und doch fühlt er sich ihm sehr nah: "Er ist ein Freund für mich", sagt Rezai, "und auch ein bisschen ein Vater."

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