SZ-Serie "Schaffen wir das", Folge 10 Die Provinz ist keine abweisende Wüste

SZ-Serie Integration SZ-Serie "Schaffen wir das", Folge 10
(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Ländliche Gegenden gelten oft als Hochburgen von Heimatbewahrern, Großstädter hingegen als aufgeschlossen gegenüber Flüchtlingen. So einfach aber ist es nicht, zeigen Besuche in St. Pauli und in Rotenburg an der Wümme.

Von Thomas Hahn

Für Samer Tannous war Integration immer auch eine Frage der Ehre. Er ist ein bedächtiger Mann, 48 Jahre alt, Syrer. Ehe er mit Frau und zwei Töchtern flüchtete, war er Französischlehrer an der Universität von Damaskus und lebte in einem Haus mit Garten.

Als er Anfang 2016 in Deutschland ankam, wollte er dem Staat nicht zur Last fallen. Er wohnte zunächst bei seinem Bruder, der Zahnarzt in Rotenburg an der Wümme ist, lernte binnen drei Monaten Deutsch, ließ sich auf die neue Welt ein, sortierte seine Chancen.

Integration in Deutschland

Dieser Text ist Teil der SZ-Integrationsserie "Schaffen wir das?". Alle Folgen der Serie finden Sie hier.

Heute arbeitet Tannous an zwei Schulen als Französischlehrer. Es reicht knapp für die Familie, Hartz IV hat er nie beantragt. Er ist als Flüchtling anerkannt, aber längst auch ein Flüchtlingshelfer. Zusammen mit Gerd Hachmöller, der die Kreisentwicklung im Landkreis Rotenburg verantwortet, gibt er Workshops und schreibt Zeitungskolumnen. "Gelungene Integration ist vielleicht ein bisschen so, wie ich es mache", sagt er und lächelt. Aber ist einer wie Samer Tannous wirklich der Maßstab? "Er ist das eine Prozent", sagt Hachmöller, "das positive Extrem."

Integration ist ein ständiger Prozess. Wer ihn verstehen will, darf sich nicht am Einzelfall orientieren. Leute wie Tannous lassen Integration so leicht aussehen. Die Negativbeispiele wiederum missbrauchen Populisten als Zeichen für die angebliche Gefahr des Fremden. Die Extreme führen in die Irre. Ob Integration gelingt, zeigt sich an etwas anderem: an einer Atmosphäre der Möglichkeiten, die Ankommende und Aufnehmende gemeinsam schaffen.

"Die dezentrale Unterbringung ist der Schlüssel"

Aber diese Atmosphäre ist keineswegs einheitlich. Sie ist auf dem Land anders als in der Stadt - und dort teilweise anders als gedacht. "Man kann Integration nicht pauschal beurteilen", sagt Jochen Oltmer, Integrationsforscher an der Uni Osnabrück, und stellt ein Fremdwort in den Raum, das ausdrücken soll, wie verwoben die unterschiedlichen Erwartungen, Wahrnehmungen und Ansprüche bei dem Thema sind. Das Wort lautet: "Komplexität." Die Provinz eine abweisende Wüste voller Heimatbewahrer? Die Stadt ein weltoffenes Willkommenszentrum? So einfach ist es nicht, wie auch Besuche in Rotenburg und Hamburg zeigen.

Gerd Hachmöller könnte jubeln über die Integration im Landkreis, für den er arbeitet. Rotenburg am Fluss Wümme ist ein weitläufiges, dünn besiedeltes Stück Deutschland in der Mitte Niedersachsens. 2015 hat man hier binnen 48 Stunden 500 Geflüchtete untergebracht, und seither ist es gut weitergegangen. Keine rechtsradikalen Ausbrüche, kein Anstieg der Ausländerkriminalität. "Klar, bei uns läuft es ganz gut", sagt Hachmöller. Aber er jubelt nicht. Er will nicht den Eindruck erwecken, als funktioniere in Rotenburg alles reibungslos oder viel besser als in anderen Kreisen.

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In Hachmöllers Büro steht noch die Tafel von der letzten Sitzung mit den Vertretern der Gemeinden. Darauf sind in Schlagworten die Probleme des Alltags notiert: Wohnung. Arbeit. Psychologische Betreuung. Man könnte meinen, der Landkreis sei in Integrationsnot, weil Einzelne ihre Unterkunft vermüllen, schwer zu vermitteln sind oder seelisch gebrochen wirken. Aber die Tafel zeigt nur einen Ausschnitt. "Wenige Menschen machen Probleme, über die man viel spricht", sagt Hachmöller. "Die 90 Prozent, die gut durchlaufen, merkt man gar nicht."

Mit Glück und viel Zusammenhalt bewältigte der Landkreis vor drei Jahren die Herausforderung. Die Kaserne in Visselhövede stand leer und als Notunterkunft zur Verfügung, viele packten an, niemand machte größeren Ärger. Bald verteilte der Landkreis die Geflüchteten auf die Gemeinden, welche die Neuankömmlinge wiederum dezentral unterbrachten, also in einzelnen Wohnungen.

In den Orten kümmert sich mal eine Gruppe von Ehrenamtlichen um die Flüchtlinge, wie in Sittensen, wo der Verein EWIS (Eine Welt in Sittensen) mit Gemeinde, Kirchen und Sportverein die Kräfte bündelt. Mal eine engagierte Einzelperson. Mal in erster Linie die hauptamtliche Verwaltung. Aber eines ist überall in Rotenburg gleich: Es gibt keine Milieus, in die sich die Geflüchteten zurückziehen und unter sich bleiben könnten.