SZ-Serie "Schaffen wir das?", Folge 4 Zwei kritische Wissenschaftler - und eine Geflüchtete mit guten Integrationsschancen

Der Sprachwissenschaftler:

"Integration ist der Schlüssel zur Sprache."

Besonders schwer tun sich mit den schriftlichen Tests Menschen, die erst in Deutschland Lesen und Schreiben gelernt haben, berichtet der Sprachwissenschaftler Christoph Schroeder von der Universität Potsdam. "Es geht dabei nicht nur um das reine Beherrschen der Schrift." Sondern um das Zurechtfinden in einer anderen Erfahrungswelt. "Für die meisten von uns ist es normal, durch Schrift Welten entstehen zu lassen und uns in ihnen zu bewegen.

Für Menschen, die nie einen Stift gehalten haben, ist es das nicht." Das zeige sich zum Beispiel an folgender Fragestellung: Bananen wachsen, wo es heiß ist. In England ist es kühl. Wachsen dort Bananen? "Wer sich selbstverständlich in der Schriftlichkeit bewegt, für den ist Antwort klar: Es wachsen keine", sagt Schroeder. Und zwar egal, ob man etwas über England weiß.

Anders bei Menschen, die keinen Zugang zu Schriftlichkeit haben: "Da besteht eine größere Wahrscheinlichkeit, dass sie sagen: Weiß ich nicht, ich war noch nie in England." Auf dieses Publikum seien die Sprachkurse nicht ausreichend eingestellt.

In den vergangenen Jahren hat er über diese Probleme oft gesprochen - und weiß, dass er damit Teil einer Erzählung wird, die lautet: Wir schaffen das nicht. Dabei findet er, dass die Ansprüche an die Sprachkurse verdreht sind. "Es heißt immer: Sprache ist der Schlüssel zur Integration", sagt er. "Dabei müsste es eigentlich heißen: Integration ist der Schlüssel zur Sprache." Wer im Alltag, in der Arbeit, beim Ausgehen, die Gelegenheit habe, eine Sprache zu benutzen, in das fremde System hinein zu finden, könne sie erfolgreich lernen.

Der Migrationsforscher:

"Die Menschen müssen wissen, was ihnen der Kurs bringt."

Jochen Oltmer, Migrationsforscher an der Uni Osnabrück, sieht das genauso: "Integration ist Vernetzung zwischen denen, die kommen und denen, die schon da sind." So wichtig Sprache auch sei - ein Kurs mit 600 Stunden Sprache sei noch keine Vernetzung, weil das Gegenüber fehle. Das lässt sich auf die 100 Einheiten Landeskunde übertragen: Den Grundsatz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" zu hören ist etwas anderes, als im Austausch mit anderen zu erleben, was er bedeutet. Nach einem Integrationskurs ist man nicht automatisch schon integriert. Deutschland lässt sich am besten im Alltag lernen.

Flüchtlings- und Migrationspolitik "Integration kommt allen zugute"
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Statt auf eine aufnahmebereite Gesellschaft treffen die Migranten im Unterricht auf konstruierte Lernsituationen und formalisierte Tests. Warum diese wichtig sind, sei nicht jedem klar: "Menschen müssen wissen, was ihnen ein Kurs im Alltag bringt." Oltmer nennt als Beispiel die Gastarbeiter der 60er und 70er Jahre: "Damals ist vieles falsch gelaufen." Aber aus einigen guten Erfahrungen lasse sich lernen. So hätten Betriebe Gastarbeitern Sprachkurse angeboten, damit die in der Hierarchie aufstiegen. Klare Ansprüche, klare Ziele - und ein Austausch beider Seiten.

Die Geflüchtete:

"Ich habe viele deutsche Freunde in der Kirchengemeinde gefunden."

So wichtig die Kurse auch sind, entscheidend für die Integration ist das echte Leben. In der Kleiderkammer von "Moabit hilft", einer Berliner Flüchtlingsorganisation, führt Maryam aus Iran die Besucher durch die Räume. Die junge Frau, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, spricht in einem akzentuierten, flüssigen Deutsch: "Einfach hier durchgehen, bitte." Ihr Integrationskurs hat gerade erst begonnen - obwohl sie schon 2015 nach Deutschland kam. Damals war sie aber gerade schwanger mit ihrem zweiten Kind. Nach der Geburt besuchte sie einen Alphabetisierungs- und einen Sprachkurs. Sie war in Iran zwar neun Jahre in der Schule, musste aber erst einmal die lateinische Schrift lernen. Zum Sprachzertifikat B1 fehlen ihr noch einige Schritte. Warum spricht sie trotzdem so gut Deutsch? "Ich bin Christin und habe viele deutsche Freunde in der Kirchengemeinde gefunden", sagt sie. "Schriftlich bin ich noch nicht ganz so gut."

Sie hat ein Ziel vor Augen: "In Iran war ich Hausfrau. Aber hier will ich Krankenschwester werden. Oder Apothekerin." Beides Berufe, für die das Niveau B1 nicht ausreicht. Maryam hat also noch einige Kurse vor sich. Glaubt man den Experten, dann sind die Weichen für ihre gelingende Integration dennoch gestellt - ganz ohne Zertifikat. Weil sie nämlich ein Ziel vor Augen hat. Und weil sie sich angekommen fühlt, in ihrer Gemeinde, in ihrer ehrenamtlichen Arbeit. Weil sie das, was sie im Sprachkurs lernen wird, gleich im Alltag benutzen kann. Und vieles, was sie im Orientierungskurs hören wird, schon aus dem ganz normalen deutschen Leben kennt.

  • Merkel hat vor drei Jahren gesagt: "Wir schaffen das!" Was ist aus den Flüchtlingen geworden, die seit 2015 geblieben sind? In der Serie "Schaffen wir das?" gibt die SZ jede Woche Antworten.