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SZ-Serie "Schaffen wir das?", Folge 9:Migration und Kriminalität - ein komplizierter Zusammenhang

Illustration: Jessy Asmus

Zuwanderer werden überdurchschnittlich häufig straffällig, das war auch vor 100 Jahren schon so. Woran das liegt - und warum es dennoch Anlass zur Hoffnung gibt.

Die Frau beeindruckte den Reporter mit ihrer Eleganz. "Man könnte glauben, sie sei vom russischen Ballett", schwärmte er. Dabei war sie offenbar Mitglied einer kriminellen Bande. Mit einem Komplizen hatte sie in Berlin gerade eine Wohnung leer geräumt.

Dieser Frau widmete der Gerichtsberichterstatter Paul Schlesinger, Künstlername "Sling", vor knapp hundert Jahren eine seiner Reportagen. Die Frau schilderte ihre ganze tragische Migrationsgeschichte, doch "der Richter ist nicht erbaut von der Geschichte, denn es hapert bei ihr mit der deutschen Sprache". Slings Arbeitsplatz waren die endlosen Gänge und Hallen des Kriminalgerichts in Berlin-Moabit.

Noch heute ist dies das größte Strafgericht Europas. Er schrieb hier Geschichten von Außenseitern, von Flüchtlingen, die immer wiederkamen. Und es lohnt heute, daran zu erinnern: Ihre Namen klangen nicht arabisch oder afrikanisch. Sondern meist russisch und jüdisch.

Weil oft die ethnische Herkunft mit darüber entscheidet, welche Chancen ein Mensch in der Gesellschaft erhält

Man sprach Rotwelsch in der damaligen Halbwelt Berlins, so hieß das Idiom der Gauner und Dirnen. Ich hab "bock". Du stehst "Schmiere". Wir sind "Mischpoke". Eine Mischung aus jiddischem und Sinti-Wortschatz war eine Zeit lang typisch für jene, die das Kriminalitätsgeschehen prägten. Es lag nicht an irgendwelchen Vorlieben des Gerichtsreporters, dass er im Justizpalast so viele Juden aus Osteuropa sah.

Viele von ihnen waren vor den Pogromen im zerfallenden Zarenreich geflohen. Mädchen "aus dem finstersten Galizien", wie sie auch in Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" auftauchen, "schimmernd wie eine Blume im Schaufenster": angeklagt wegen Diebstahls, vorgeführt aus Untersuchungshaft. Wer in der Gesellschaft am Rand steht, der stand in Strafgerichten schon immer im Mittelpunkt.

Die Literatur hat es tausendmal beschrieben, schon bevor Statistiker nachgerechnet haben: Arme stehlen häufiger als Reiche. Außenseiter häufiger als Insider. Leute, die schlechte Chancen haben, mit legalen Mitteln am guten Leben teilzuhaben, versuchen es zumindest statistisch betrachtet häufiger anders. Manche rutschen ab in Drogen und Gewalt.

Das Problem ist nicht in einer bestimmten Kultur beheimatet, es hängt aber durchaus mit der ethnischen Herkunft zusammen. Weil oft die ethnische Herkunft mit darüber entscheidet, welche Chancen ein Mensch in der Gesellschaft erhält.

So ist es immer wieder gewesen in der Geschichte, die Kriminalstatistik zeigt da Wellenbewegungen: Auf den Holzbänken des Moabiter Kriminalgerichts und auch in anderen deutschen Gerichtssälen saßen zum Beispiel Anfang der 1990er-Jahre viele Osteuropäer.

Der Fall des Eisernen Vorhangs und der Beginn der Jugoslawienkriege waren die Ursachen. Aber nach 1993 schrumpfte ihr Anteil an der Kriminalität kontinuierlich wieder auf den Stand vor 1987. Die Osteuropäer waren zwar immer noch da - aber ihre Stellung in der Gesellschaft hatte sich verbessert.

  • Merkel hat vor drei Jahren gesagt: "Wir schaffen das!" Was ist aus den Flüchtlingen geworden, die seit 2015 geblieben sind? In der Serie "Schaffen wir das?" gibt die SZ jede Woche Antworten.

Integration in Deutschland

Dieser Text ist Teil der SZ-Integrationsserie "Schaffen wir das?". Alle Folgen der Serie finden Sie hier.

Jetzt ist es eine neue Gruppe, die im Fokus steht: Flüchtlinge vor allem aus Syrien, dem Irak und Afghanistan; sie firmieren in der Polizeistatistik als "Zuwanderer". Diese Gesamtgruppe machte Ende 2016 zwar nur etwa zwei Prozent der Bevölkerung aus, rund 1,6 Millionen Menschen.

Aber keine andere Gruppe fällt bei Gericht derzeit so negativ auf. Keine andere Gruppe ist in der Kriminalstatistik so stark überrepräsentiert. Sie machen ganze zehn Prozent der Verdächtigen von Körperverletzungen aus. 14 Prozent bei den Verdächtigen von Tötungsdelikten. 16 Prozent bei den Verdächtigen von Vergewaltigungen und schweren sexuellen Nötigungen.

Migration und Kriminalität hatten schon immer miteinander zu tun: "Anders als teilweise unterstellt, ist dieses Thema keineswegs wissenschaftlich tabuisiert, sondern im In- und Ausland seit Jahrzehnten Gegenstand kriminologischer Studien und Debatten", schreibt der Kriminologe Christian Walburg, der an der Universität Münster lehrt. Er hat die Hoffnung, dass sich auch bei den aktuellen Flüchtlingen bald die Lage beruhigen könnte. So wie zuletzt bei den Osteuropäern.

Zunächst werden unter den Migranten aus Syrien, dem Irak und Afghanistan deshalb so viele polizeilich auffällig, weil unter ihnen so viele junge Männer sind. Bei jungen Männern sind in allen Gesellschaften und zu allen Zeiten die höchsten Kriminalitätsraten zu verzeichnen.

Man kann das beziffern: "Unter allen Asylantragstellern der Jahre 2015 und 2016 waren 34 Prozent Männer im Alter von 16 bis 29 Jahren", so der Forscher Walburg. Dieser Anteil ist vier Mal so hoch wie in der deutschen Gesamtbevölkerung. Schon deshalb wären vier Mal so viele Straftaten zu erwarten.

Zudem ballen sich bei diesen Migranten soziale Probleme: Arbeitslosigkeit, wenig Bildung, eigene Erfahrung als Opfer von Gewalt. Faktoren, die auch bei Deutschen ein kriminelles Verhalten "begünstigen", so der Forscher. Je mehr man diese Faktoren herausrechne, desto mehr verblassten die Unterschiede zwischen Zuwanderern und Deutschen in der Kriminalstatistik wieder.

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Ein solches Rechenspiel ist zwar kein Trost, wenn man heute durchs Strafgericht streift, erst recht nicht für Kriminalitätsopfer. Aber es beinhaltet eine Hoffnung. Soziale Probleme sind auf Dauer behebbar. Zumindest theoretisch.

Saal 500, eine der größten Bühnen im Moabiter Kriminalgericht. Hier ist ein Beispiel dafür zu beobachten, was passiert, wenn man die Probleme einfach schwären lässt. Hinter Panzerglas: der Patriarch und einer seiner Söhne.

Der Sohn wird für einen der größten Coups der vergangenen Jahre zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt, den Einbruch in das Berliner Luxuskaufhaus KaDeWe 2014. Da stürmten fünf Maskierte an einem Adventssamstag die Schmuckabteilung, versprühten Reizgas und hämmerten mit Äxten auf die Vitrinen. Sie flüchteten mit Uhren und Schmuck im Wert von 820 000 Euro.

Vater und Sohn gehören einer libanesischen Großfamilie an. Anfang der 1980er-Jahre waren sie vor dem Libanonkrieg nach Berlin geflohen. Viele Flüchtlinge kamen damals, die meisten waren staatenlose Palästinenser, einige auch Kurden. In Deutschland bekamen sie aber nur eine Duldung, durften nicht arbeiten und nicht einmal ihre Kinder zur Schule schicken. Jahrelang.

Irgendwann organisierten sich einige von ihnen in den Stadtvierteln, um an Geld und Einfluss zu gelangen. Sie schufen "ein Klima der Angst", wie es in der Studie "Paralleljustiz" der Islamwissenschaftler Mathias Rohe und Mahmoud Jaraba von der Uni Erlangen-Nürnberg heißt.

"Aus einer Familie kann man nicht aussteigen"

Waren die Großfamilien anfangs vor allem in ihren Kiezen aktiv, wo sie mit Schutzgelderpressungen, Drogen oder der Kontrolle von Clubs ihr Geld verdienten, machen sie inzwischen mit spektakulären Coups von sich reden und investieren ihre Beute nach Ansicht der Berliner Ermittler in Immobilien, ähnlich der Mafia in Italien. Anders als bei Neonazi-Gruppen oder Rockerbanden gibt es bei ihnen fast nie Überläufer, die mit der Polizei zusammenarbeiten.

Das macht es schwierig, in ihre Parallelwelt hineinzublicken. Rockerklubs oder Nazi-Organisationen könne man verlassen, sagt ein Berliner Ermittler. "Aus einer Familie kann man nicht aussteigen."

Es ist wissenschaftlich schwer zu erforschen, wie häufig Clanmitglieder trotzdem den Absprung schaffen, zu abgeschottet ist das Milieu. Aber es gibt den früheren Migrationsbeauftragten von Berlin-Neukölln, Arnold Mengelkoch. Er weiß, welcher Clan in welcher Straße und in welchen Häusern aktiv ist. Er kennt Supermärkte, in denen Kinder von Clanmitgliedern vollgepackte Einkaufswagen mitnehmen, ohne zu bezahlen, als Übung gewissermaßen.

Mengelkoch hat sich jahrzehntelang mit den Familien beschäftigt. Er kennt inzwischen Clanmitglieder, die Abitur haben, studieren und seines Wissens nicht mehr mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind. Auch deshalb gibt Mengelkoch die Hoffnung nicht auf.

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