SZ-Serie "Schaffen wir das?", Folge 3:Die Helferin: "Oft stoßen wir gegen Wände. Es ist frustrierend."

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So musste er lange auf den Ausgang seines Asylverfahrens warten. Zwar wurde er nach vier Monaten zum ersten Mal in die Münchner Außenstelle des Bamf geladen. Bis zur Anhörung aber dauerte es noch einmal zehn Monate - damals keine unübliche Verspätung im völlig überlasteten Asylbundesamt.

Karin Niedermayr, seine Betreuerin aus dem Helferkreis, hatte mehrfach versucht, Auskunft über den Fortgang des Verfahrens zu erhalten. Vergeblich. Obwohl sich die Helfer Vollmachten ihrer Schützlinge ausstellen lassen, "stoßen wir oft gegen Wände", sagt Niedermayr, die ihren richtigen Namen aus Sorge um ihre Klienten nicht öffentlich machen will: "Es ist frustrierend."

Die Wartezeit hatte Folgen. Anders als seine Freunde erhielt Azad nur einen eingeschränkten Flüchtlingsschutz. Der Maßstab, nach dem Bamf-Entscheider die Geschichten der Geflohenen einstufen, hatte sich in den Monaten des Wartens geändert. Azad hatte nichts anderes erzählt als seine Freunde: Wie der Vater seinen 16-jährigen Sohn über die Grenze in die Türkei schickte, damit der nicht eingezogen würde in die Armee oder irgendeine Miliz.

Wie der Jugendliche sich mit harter, gering bezahlter Arbeit ohne Papiere durchschlug in der Türkei, bis die Regierung in Ankara die Grenzen öffnete und auch er sich dem Treck Richtung Mitteleuropa anschloss. Es reichte nur zum sogenannten subsidiären Schutz, Azad wusste es sofort, als er den Brief vom Bamf las; das Schreiben war auch auf Arabisch abgefasst.

Diese Einstufung hat nun eine Folge, die Azads Betreuer besonders empört. Als er in der Ausländerbehörde des Landratsamtes die Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis beantragte, wurde ihm bedeutet, er solle sich einen Pass bei der syrischen Botschaft in Berlin beschaffen - einer Behörde des Regimes also. Sogar den Antrag dazu haben sie ihm schon ausgedruckt.

Zur Feststellung seiner Identität freilich wäre das gar nicht nötig. Längst hat Azads Vater ihm von daheim einen Auszug aus dem syrischen Zivilregister geschickt, ein Dokument, auf dem Dutzende grüner und orangener Gebührenmarken andeuten, dass es auch Syriens Regime mit Bürokratie sehr ernst meint. Einen Pass aber hatte er nie, das Dokument ist 285 Euro teuer, und wer das Land nicht verlassen wollte, brauchte es auch nicht. Und nun bei der Botschaft des Regimes vorstellig zu werden - davor hat Azad Angst. Er befürchtet Repressalien gegen Angehörige daheim.

Es sei "zumutbar", heißt es dagegen bei den deutschen Behörden - jedenfalls für Menschen mit eingeschränktem Flüchtlingsschutz wie Azad. Wäre er dagegen als Flüchtling gemäß der Genfer Konvention anerkannt, könnte er laut deutschem Asylgesetz seinen Schutzstatus sogar wieder verlieren, wenn er sich einen Pass des heimischen Regimes ausstellen oder verlängern ließe.

Als Niedermayr daraufhin mit ihrem Schützling in die Ausländerbehörde eilte, stellte sich heraus: Für die Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis braucht Azad den Pass doch nicht. Er bekommt aber auch keinen Ersatzausweis, der ihm einen Ausflug etwa nach Österreich erlauben würde.

Der Geflüchtete: Fünfmal Wartenummer gezogen, fünfmal gewartet, fünfmal vertröstet

Es hakt auch anderswo. Azad lebt in einer Asylunterkunft, seit seiner Anerkennung jedoch als "Fehlbeleger". Er solle ausziehen, hat ihm die zuständige Bezirksregierung geschrieben. Aber wohin im Wohnnotstandsraum München? Inzwischen berechnet ihm die Bezirksregierung etwa 300 Euro monatlich für seinen Platz im Vier-Bett-Zimmer, Toilette auf dem Gang. Seit er als Azubi Geld verdient, springt das Jobcenter dafür nicht mehr voll ein. Laut einem Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs sind diese Mieten zu hoch, sie müssen neu berechnet werden.

Das alles geht über den Schreibtisch der freiwilligen Helfer. Denn zwar spricht Azad nun ordentlich Deutsch, Amtsdeutsch aber versteht er nicht. Im Helferkreis tauschen sie noch sehr viel ärgerlichere Geschichten aus: Wie man etwa fünfmal zum Ausländeramt in die Kreisstadt fährt, um die Genehmigung für einen jungen Syrer zu erhalten, eine Ausbildungsstelle antreten zu dürfen. Fünfmal Wartenummer gezogen, fünfmal gewartet, fünfmal vertröstet. Ausländerbehörden sind oft unterbesetzt, obwohl Städte und Landkreise ihr Personal aufgestockt haben.

Doch Bewerber für die freien Stellen in den Ämtern zu finden, die nicht unbedingt als die begehrtesten Arbeitsplätze gelten, ist nicht immer leicht. Manchmal stören auch allzu enge oder eng ausgelegte Vorschriften: Ein Kind wird geboren, doch syrische Eltern bekommen Geburtsurkunden nur, wenn ihre eigenen Geburts- und Heiratsurkunden vorliegen und deren Echtheit von der deutschen Botschaft im Libanon beglaubigt ist.

Ohne Geburtsurkunde aber gibt es oft Schwierigkeiten, Kindergeld zu bekommen - während das Jobcenter unter Hinweis auf den Kindergeld-Anspruch die Zahlungen kürzt. Solche Erlebnisse mit Bürokratie raube vielen Helfern die Energie, sich um Flüchtlinge zu kümmern, sagt Karin Niedermayr.

Azad hat ihr wieder einen Brief mitgebracht. Etwa 14 Euro Aufstockung bekomme er in den Monaten April bis Juni, schreibt ihm das Jobcenter. Abgeschickt hat es den Brief Ende August.

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  • Merkel hat vor drei Jahren gesagt: "Wir schaffen das!" Was ist aus den Flüchtlingen geworden, die seit 2015 geblieben sind? In der Serie "Schaffen wir das?" gibt die SZ jede Woche Antworten.

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