SZ-Serie "Schaffen wir das?", Folge 12:"Sie sehen dich an und glauben zu wissen, wer du bist"

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Grenzen, gerade die im Denken, mussten beide Männer in den vergangenen Jahren viele überqueren. Nach al-Shantouts Ankunft stellten Menschen Fragen, die in seinen Ohren wie Unterstellungen klangen: Wie behandelt ihr Frauen in Syrien? Müssen die nicht zu Hause bleiben? Werden sie gezwungen, ein Kopftuch zu tragen? Werden sie geschlagen?

Khalid al-Shantout war überrascht: "Sie sehen dich an und glauben zu wissen, wer du bist. Ich war für sie der Mann aus der Wüste." Klar, es gebe patriarchalische Züge in seiner Kultur, aber nicht jeder arabische Mann sei per se ein Patriarch. Es gebe ja auch rechtsradikale Züge in der deutschen Gesellschaft, ist deshalb jeder Deutsche ein Rechter? "Meistens sind doch die Guten in der Mehrheit", sagt al-Shantout.

  • Merkel hat vor drei Jahren gesagt: "Wir schaffen das!" Was ist aus den Flüchtlingen geworden, die seit 2015 geblieben sind? In der Serie "Schaffen wir das?" gibt die SZ jede Woche Antworten.

Peter Tischler kennt die Vorbehalte gegen Flüchtlinge und speziell gegen Araber. Einmal war er in München auf einem Diskussionsabend. Eine Dame sagte, man müsse "die arabische Frau" befreien. Damit konnte er nichts anfangen. Man müsse doch einsehen, dass jede Kultur anders sei - und sich auch wandle.

In den Sechzigerjahren war es in Niederbayern "stinknormal" für Frauen, ein Kopftuch zu tragen. In den Siebzigerjahren trug er selbst die Haare hüftlang und spazierte damit durch Simbach - das sei nicht einfach gewesen, erzählt er, die Leute haben ihn komisch angeschaut. Doch jeder müsse seinen eigenen Weg gehen. Und nicht alle Menschen finden ihr Glück in einer bestimmten Lebensform - oder Garderobe. Diese Hybris, einer allgemein gültigen und vorzüglichen Kultur anzugehören, mache ihn wütend.

Mit dem Landratsamt und dem Jugendamt liege er im Clinch, erzählt Tischler, zu wenig Unterstützung, zu wenig Herzblut. Auch viele Helfer zogen sich nach der anfänglichen Euphorie zurück. Oft fühle er sich allein gelassen, sei aber zu involviert, um aufzuhören. "Meine nigerianischen Frauen fressen mich auf." Er lacht.

Die von ihm Betreuten nähmen ihn in Beschlag, erzählt er, es gebe so viel Alltägliches, wofür sie Hilfe bräuchten, Rechnungen, Post vom Amt, Elternabende. Mitte September erlitt er einen Herzinfarkt, ans Aufhören denkt er trotzdem nicht. Und zwar nicht, weil er an diesem "unsäglichen Helfersyndrom" leide, wie er betont. "Ich möchte einfach in einem Land alt werden, in dem ich noch alt werden will und nicht lieber mit 180 km/h in einen Brückenpfahl sause."

Vor seiner Flucht hielt der junge Syrer Deutschland für das Land der Regeln

Auf Klischees sitzen bleiben, sie nicht dem Realitätscheck zu unterziehen, dafür hat er kein Verständnis. "Unser Gesellschaftssystem ist so verdammt rigide und engstirnig, dass für Offenheit oft gar keine Zeit bleibt", sagt Tischler. Zeit aber wäre nötig, um sich auf Ungewohntes einzulassen. Stattdessen arbeite man ständig auf was hin: den Kurzurlaub in Hurghada oder den Kleinwagen für die Tochter. Neugier gehe vielen Menschen im Laufe des Lebens verloren. Dabei könne man Klischees nur so auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen - durch Begegnungen.

Jahrelang hatte Tischler nicht die Möglichkeit dazu. Die Welt zu bereisen, das sei nie sein Ding gewesen. Diese Warterei am Flughafen, das Herumgewusel am Bahnsteig - alles viel zu stressig. "Deshalb kam die Welt einfach zu mir", sagt er.

2015 überquerten fast täglich Tausende Menschen die deutsch-österreichische Grenze. Das Sprachengewirr, die vielen Kinder, die so viel Leid gesehen hatten - Peter Tischler packte die Neugier. Seit 2001 schon arbeitet er mit kranken Kindern, er bastelt, modelliert aus Ton Gesichter mit unterschiedlichen Hautfarben, seit 2015 macht er das auch mit Flüchtlingskindern. Über den Nachwuchs lernte er die Eltern kennen. Fünf Nationen, 40 Kinder, 60 Erwachsene - allesamt landeten sie in der Simbacher Unterkunft, einst ein Jugendferiendorf. Es trägt von früher noch den zynisch klingenden Namen "Ewigkeit".

Vielleicht stimmt es ja doch: Deutschland, das Land der 1001 Möglichkeiten

Khalid al-Shantout war woanders untergebracht, das war vielleicht gut so. Auf Arabisch bedeutet Khalid "Der Ewige". Man stelle sich das mal vor: Der Ewige harrt in der Ewigkeit aus. Er lacht. Das konnte er vor wenigen Monaten noch nicht. Die Warterei auf die Anerkennung seiner Zeugnisse, auf die Zulassung zum Deutschkurs, Monate, Jahre vergingen. Vor seiner Flucht hielt der junge Syrer Deutschland für das Land der Regeln. Das Klischee, wonach Deutsche praktisch und lösungsorientiert denken und nicht über drei Ecken wie in Syrien - es erledigte sich ziemlich schnell.

Überall, wo er hinkam, erlebte er überforderte Deutsche. Man schickte ihn von Amt zu Amt, ohne seine Englischkenntnisse wäre er aufgeschmissen gewesen. Erst vor wenigen Monaten kam die Zusage: Von Dezember an wird Khalid al-Shantout als Kinderarzt in einem Krankenhaus in Ingolstadt arbeiten. Er freut sich. Vielleicht stimmt es ja doch: Deutschland, das Land der 1001 Möglichkeiten.

Peter Tischler hätte sich gewünscht, dass sein syrischer Freund in Simbach bleibt. Die Neuankömmlinge, sie sollen ein bisschen mehr Lebensfreude in die "absterbende Stadt" bringen, sagt Tischler. Ein wenig mehr Farbe gebe es schon: Familie Mamo aus Syrien möchte ein Modegeschäft eröffnen, einen leer stehenden Raum gibt es schon. Und der arabische Lebensmittelmarkt "Loay" auf dem Kirchplatz, da holt Tischler sich jetzt immer seinen arabischen Kaffee.

Er geht durch die Regale, bald eröffnen sie eine Fleischtheke. Als der Besitzer ihn entdeckt, öffnet er den Kühlschrank und drückt ihm eine Limonade mit Minze in die Hand. "Das ist bei uns so", sagt er und klopft Peter Tischler auf die Schulter. "Jaja, eure orientalische Gastfreundschaft, ich weiß", sagt der nur und nimmt einen Schluck.

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SZ-Serie "Schaffen wir das?", Folge 11
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