Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie "Der Weg nach Berlin":Lächeln wie Theodor Heuss

"Ich finde mich immer fürchterlich": Judith Skudelny von der FDP lässt Porträtfotos für ihren Wahlkampf aussuchen. Im September geht es um ihre noch junge Parlamentskarriere - aber erst mal geht es um Luftballons und Kugelschreiber.

Politiker "sind doch alle gleich", lautet das Pauschalurteil vieler Deutscher. Sind sie nicht. Die Süddeutsche Zeitung begleitet bis zur Bundestagswahl sieben Kandidaten aus sieben Parteien - Fehler und Rückschläge inklusive.

Judith Skudelny, 37, FDP-Abgeordnete aus Baden-Württemberg, hat sich in einer Kampfabstimmung Platz sechs der Landesliste gesichert - der gilt gerade noch als aussichtsreich. Jetzt muss sie anfangen, ihren Wahlkampf zu planen.

Die Fotos? Für die Broschüren, für die Plakate? Suche sie ganz sicher nicht selbst aus, sagt Judith Skudelny, niemals. "Ich finde mich immer fürchterlich." Fünf Herren sitzen mit ihr am Tisch, ganz ruhig bis gerade eben, aber jetzt will sich natürlich keiner mehr zurückhalten: Die Kandidatin, versichern sie im Chor, sehe auf ausnahmslos allen Bildern fabelhaft aus. Da könne man erfahrungsgemäß praktisch jedes drucken. "Na dann", sagt Skudelny, nächster Punkt.

Montagabend, ein Konferenzraum in der Kreisgeschäftsstelle der Stuttgarter FDP. Auf dem Tisch: zwei riesige Kalender, farbige Balken markieren die Sitzungswochen des Bundestags. Gelb-blaue Kaffeekannen, gelb-blaue Kaffeetassen, das Handelsblatt. Und über all dem an der Wand: Theodor Heuss im Goldrahmen.

Heuss lächelt, genau wie Skudelny, die auf ihrem iPad nun die Seiten des FDP-Online-Shops durchwischt. Es geht im September um ihre noch junge Parlamentskarriere - sieben, acht Prozent braucht ihre Partei, damit sie zum zweiten Mal einziehen kann in den Bundestag. Aber erst mal geht es um Luftballons und Kugelschreiber, um Themen und Einladungen. Und um die Frage, was der Liberale so trägt, wenn er auf Sommerfesten Wahlkampf macht. Oder wie der schwäbische Liberale das nennt: "Sommerfeschtle".

Man müsse schon auffallen auf den Feschtle, sagt Matthias Werwigk, 61, Bankdirektor. Skudelny kandidiert im Wahlkreis Stuttgart I, die Hauptrollen spielen da andere: Grünen-Bundeschef Cem Özdemir will CDU-Mann Stefan Kaufmann das Direktmandat abnehmen. Werwigk tritt im Wahlkreis Stuttgart II an, er sieht sich als "Trommler" für seine Partei und die Kollegin Skudelny. Immer mit ein paar Leuten kommen zu den Feschtle, rät er, am besten in einheitlicher Kleidung. Also die FDP-Windjacke? Das FDP-Fleece? "Da seh ich aus wie eine Hummel", sagt einer vom Kreisverband. "Dann XL?", fragt ein anderer. Bis zum Sommer sei ja noch Zeit, sagt der Erste, M werde ihm reichen.

Nächster Punkt: Postkarten. Ein Motiv der FDP-Zentrale zeigt eine schicke Frau beim Shoppen. Skudelny findet das ein wenig snobistisch. Werwigk findet, das sei trotzdem irgendwie Zielgruppe. Es gibt auch Karten mit Köpfen der Berliner Parteiprominenz drauf, und in Stuttgart jetzt die Frage: Wen legt man dem Spendenaufruf an geneigte Unternehmer bei? "Brüderle", murmelt der ganze Tisch gleichzeitig.

So einen Moment der Einigkeit gibt es später noch einmal, diesmal lautet die Frage: Welchen Wahlkämpfer wollen wir unbedingt in Stuttgart sehen? "Westerwelle", sagt einer, "immer noch", sagt ein anderer, und alle nicken. Auch Ex-Außenminister Klaus Kinkel soll kommen, da müsse man sich was einfallen lassen, der dürfe "nicht vor zwölf Leuten sprechen". Skudelny wünscht sich, dass Parteichef Philipp Rösler bei seinem Besuch einen Termin zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf macht. Sie selbst will die Energiepolitik beackern, darauf hat sie sich spezialisiert.

Die Kampagne aus der Berliner FDP-Zentrale wird erst im Juli fertig sein, aber mit den Schwerpunkten sind die Stuttgarter schon einverstanden: Haushalt, Europa. Dann schreiben alle noch einen Fixtermin in ihre Kalender: Plakatierungsstart 10. August. "Um Mitternacht geht das erste Plakat hoch", sagt der Kreisvorsitzende - und drückt Skudelny dabei fast ein wenig feierlich die Hand.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1645431
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 10.04.2013/vks
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.