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SZ-Serie "Der Weg nach Berlin":Johlen, Applaus, Abgang

Samstagvormittag, Mensa der Uni Chemnitz: Die Grüne Petra Zais kämpft um einen Platz auf der Landesliste ihrer Partei. Weil sie bereits vor vier Jahren an selber Stelle antrat, erlebt sie ein Déjà-vu.

Politiker "sind doch alle gleich", lautet das Pauschalurteil vieler Deutscher. Sind sie nicht. Die Süddeutsche Zeitung begleitet bis zur Bundestagswahl sieben Kandidaten aus sieben Parteien - Fehler und Rückschläge inklusive.

Petra Zais tritt für die Grünen in Chemnitz an, in den vergangenen Monaten hat sie in Sachsen die Kreisverbände abgeklappert. Alles für diesen Moment am vergangenen Samstag. Es sollte bitte nichts schiefgehen.

Vor einer Woche hat sie eine SMS bekommen, es stand nur ein Satz darin, aber er war von Bedeutung: "Du hast eine Gegenkandidatin." Bis dahin war Petra Zais die einzige Bewerberin um den aussichtsreichen Listenplatz 3 der sächsischen Grünen gewesen. "Die Nachricht hat mich nicht überrascht", sagt Zais. Vielmehr sei sie verwundert gewesen, dass sie so lange ohne Konkurrenz geblieben war, immerhin bis drei Tage vor dem Landesparteitag.

Samstagvormittag, Mensa der Uni Chemnitz. Petra Zais sitzt in den Reihen ihres Chemnitzer Kreisverbandes vor einem grünen Ordner. "BTW" steht darauf, Zais hat Artikel und Statistiken zu allen möglichen Themen abgeheftet, die im Bundestagswahlkampf eine Rolle spielen könnten. Davor liegt ein Manuskript, Schriftgröße 16, ihre Bewerbungsrede. Zais streicht mit dem Kuli darin herum, nicht aus Panik, sondern als Reaktion.

Ihr Auftrag: "Wechselstimmung erzeugen!"

Die Redner vor ihr haben alle zu Fragen der Gleichstellung von Mann und Frau gesprochen, das will sie jetzt nicht auch noch tun. Also ergänzt sie statt dessen einen Gedanken zur machtorientierten Beweglichkeit der Bundeskanzlerin und erteilt sich auf dem vierten und letzten Blatt des Manuskripts selbst einen Auftrag: "Wechselstimmung erzeugen!"

Zunächst spricht ihre Konkurrentin. Seit dem "einundzwanzigschten" Januar sei sie bei den Grünen im Vogtland, sagt Agnes Russo gleich zu Beginn, und da ist die Sache eigentlich klar: ein Neuling, und aus Baden-Württemberg - also eine Zählkandidatin. Noch dazu in einem Kreisverband, der Petra Zais längst seine Unterstützung signalisiert hat.

Sie hatte sich in Plauen vorgestellt, genauso in Zwickau und Dresden, in Freiberg und Bautzen. Oft hat sie ihr Sohn zu den Terminen gefahren, am Samstag ist er mit seiner Frau zum Parteitag gekommen, um sie zu unterstützen. Ihre Tochter ist sogar Delegierte, ebenfalls für die Grünen, im selben Kreisverband.

Petra Zais hält eine gute Rede. Sie ist erst sympathisch nervös, dann routiniert, am Ende bekommt sie sogar ein paar Lacher. Die Delegierten dürfen jedem Bewerber nach seinem Vortrag vier Fragen stellen, und so muss Petra Zais nun ohne die Hilfe ihres grünen Ordners sagen, wie sie Behinderte in den Arbeitsmarkt integrieren möchte und was sie für die Bildungschancen von Jungs zu tun gedenkt. Zais sagt: "Ich bin relativ ungeeignet, das Bildungsniveau männlicher Schüler zu steigern, aus dem Alter bin ich raus." Johlen, Applaus, Abgang.

77 Prozent - ein ordentliches Ergebnis

Das Ergebnis ist ordentlich: 77 Prozent. Zais jubelt, sie lacht, sie ruft: "Ich nehme die Wahl an!" - dabei hat sie das Präsidium überhaupt noch nicht gefragt. Viele Grüne kommen an ihren Platz, um sie zu umarmen. Sie wird häufiger und länger umarmt als die anderen Kandidaten, das fällt auf. Sie sei auch in schlechten Zeiten für die Grünen eingetreten, sagt Zais.

Das Ergebnis und den Zuspruch wertet sie deshalb "als Wertschätzung dafür, dass ich nie aufgegeben habe". Nicht 2001, als es um die Grünen nicht gut stand und sie trotzdem als Kandidatin bei der Oberbürgermeisterwahl in Chemnitz antrat und mit 2,7 Prozent unterging. Und nicht 2009, als sie das erste Mal versucht hatte, über die Landesliste in den Bundestag zu kommen.

Damals hatte sie sich auf Listenplatz eins beworben - und verloren. Sie landete auf Platz drei, also dort, wo sie nun wieder steht. Nur bedeutete dieser Platz 2009 eine Niederlage, 2013 ist er ein Grund zur Hoffnung. Auch damals war der Parteitag übrigens in Chemnitz. "Das ist schon ein Déjà-vu", sagt Petra Zais, und sie wäre froh, wenn jetzt kein weiteres hinzukommt: Vor vier Jahren hat es für sie nicht für einen Sitz im Bundestag gereicht.