SZ-Korrespondenten über US-Wahl Frank Nienhuysen, Moskau, über Russland

In diesem Moskauer Elektronikgeschäft zeigen am Wahltag alle Fernseher die Berichterstattung über die US-Wahl.

(Foto: AP)

Frank Nienhuysen, Moskau, über Russland

War das überhaupt eine richtige Wahl? Ehrlich, fair, transparent? Russland hat sich in diesen Tagen noch ganz andere Fragen gestellt als die nach dem Sieger - und eine verblüffende, fast trotzige Antwort gefunden: Eher nicht. Das russische Zentrale Wahlkomitee, dessen Leiter Wladimir Tschurow von der heimischen Bevölkerung den fragwürdigen Beinamen "Zauberer" erhielt, kritisierte die Abstimmung in den USA, bei der das "Geld die Menschen auf rekordartige Weise beeinflusst" habe. Es ist eine süße Replik nach all der amerikanischen Schelte an den Russland-Wahlen. Zugleich zeigt es, wie gereizt das politische Klima zwischen Moskau und Washington bisweilen ist.

Und doch: Amerika zieht die Russen in ihren Bann. Obgleich gerade erst der russische Verteidigungsminister entlassen worden ist, war dies in der Früh als Top-Nachricht längst verdrängt vom Sieg Barack Obamas. Auch die staatstreuen Fernsehsender berichteten ausführlich über die Ergebnisse aus den Swing States. Und egal ob aus den Blogs, aus Umfragen und von Experten: Von überall dringt Erleichterung über die Wiederwahl des Demokraten Obama. Was einerseits nicht verwundert, seitdem Mitt Romney Russland als geopolitischen Feind Nummer eins für die USA bezeichnet hat. Aber Obama wird von vielen Russen eben auch als lässiger, charmanter und Russland gegenüber aufgeschlossener empfunden. Ein Blogger meint: "Wir sind alle so froh über Obamas Sieg, als wäre er unser Präsident. Das wäre auch nicht schlecht."