Syrischer Flüchtling in Deutschland:Ein anderes Mal schrie eine Frau

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Da das Transportsystem normalerweise hervorragend und pünktlich funktioniert, werde ich immer schnell sehr nervös und aufgeregt, wenn ein Bus einige Minuten auf sich warten lässt. Aber auch das tolle Gefühl eines Sieges kann mir der ÖPNV vermitteln: dann, wenn ich es schaffe, eine U-Bahn in letzter Sekunde zu besteigen, in dem Moment, wenn die Türen sich schon schließen.

Als ich einmal solchermaßen in die U-Bahn sprintete, wurde ich, noch vor Aufregung schwankend, von zwei muskelbepackten, Respekt einflößenden Kontrollagenten nach meiner Fahrkarte gefragt. Natürlich zeigte ich ihnen sofort meine Karte, so wie alle anderen Passagiere auch. Niemand will sich mit dem militärischen Flügel des Transportsystems anlegen!

Die Doppelstockbusse sind für mich und meine Familie die allerschönsten. Im oberen Stock kann man wundervolle Blicke auf die Stadt genießen. So etwas gibt es nicht in meinem Land, in Syrien, aus mindestens zwei Gründen: zum einen sind unsere Brücken sehr niedrig, zum anderen sind auch unsere Telekommunikationsleitungen nicht hoch. Diese Leitungen hängen manchmal kreuz und quer, über Hunderte von Metern, in der Gegend herum. Wenn wir in Syrien also auch diese tollen Doppeldeckerbusse haben wollen, so müssen wir zunächst diese Probleme lösen.

Ganz ehrlich: ich bin optimistisch, dass wir diese beiden Hindernisse überkommen werden: die Brücken in Syrien werden immer weniger, der Krieg hat gut daran gearbeitet. Die Russen sind gerade dabei, alles, was nach vier Jahren des Krieges noch stand, zu pulverisieren. Die Telefonleitungen sind ohnehin sehr schlecht, also würde es kaum etwas ausmachen, wenn auch sie zerstört werden würden.

Eine Frau schreit einen Flüchtling an, er steigt aus

Einmal saß ich in einem S-Bahn-Zug, als eine junge Frau plötzlich begann, einem jungen männlichen Flüchtling ins Gesicht zu schreien.

Mir schien, dass er sie die ganze Zeit über angestarrt hatte, und sie beschimpfte ihn in deutscher Sprache, die er wahrscheinlich noch überhaupt nicht verstehen konnte. Er hatte keine Chance zu antworten oder sich zu verteidigen, geschweige denn zu entschuldigen. Er sah sich gezwungen, bei der nächsten Station auszusteigen.

Ich hatte Mitleid mit ihm; er schien mir einfach ein junger Mann zu sein, der in Kontakt mit dem schönen deutschen Mädchen kommen wollte. Er schien mir wenig Erfahrung damit zu haben - wie nähert man sich charmant einem schönen Mädchen, egal ob deutsch, dänisch, afrikanisch oder antarktisch...? Seine Methode des penetranten Starrens ist leider universell falsch.

Der ÖPNV ist nicht der Platz zum Flirten

Ich wollte ihm helfen, und ein paar Hinweise geben, aber da hatte er sich schon selbst aus dem Zug geworfen. Ich wollte ihm sagen, dass man das Herz einer Dame nicht durch Anglotzen gewinnen kann, auch nicht durch dauerhaftes. Auch Starren und Lächeln hilft nicht, denn die Möglichkeit, dass sie es nicht als Ausdruck des Interesses, sondern einfach als unangenehme Bedrängung empfindet, steht hoch!

Man kann das Herz einer Frau nicht gewinnen, weil man das Bewusstsein hat, "sehr gut" auszusehen, weil es die Mutter immer so gesagt hat, und auch dann nicht, wenn man sich ein halbes Pfund Gel in die Frisur schmiert und dazu ein christliches Kreuz um den Hals hängt.

Frauen verlieben sich aus den verschiedensten Gründen, vielleicht weil man die gleichen Sci-Fi-Filme mag, vielleicht weil man einfach immer treu zu Hertha BSC hält, trotz oder gerade wegen der unterschiedlichen Performances dieses Clubs. Man muss eine Frau zuerst überzeugen, dass man etwas Schönes in sich trägt, etwas für sie Liebenswertes, aber, mein junger Freund, gib Obacht: der Berliner ÖPNV ist nicht der richtige Platz dafür.

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