Süddeutsche Zeitung

Syrischer Flüchtling in Deutschland:Gewinne die Herzen der Deutschen - über die ihrer Hunde

In Syrien haben Hunde keine Namen. In Deutschland kaufen ihnen ihre Besitzer edles Futter und schicke Hüte. Über die manchmal wunderliche Liebe zwischen Mensch und Tier.

Von Yahya Alaous

Ich hasse Hunde nicht. Ich mag sie aber auch nicht besonders. Doch seit ich nach Deutschland kam, stellt sich diese Frage nicht mehr - meine Beziehung zu Hunden besteht nun aus einer Mischung von Neugier und Eifersucht. Besonders spüre ich das, wenn Hunde mich, auf einer schönen Felldecke liegend, aus einem warmen Auto heraus betrachten, wenn mir mal wieder viel zu kalt ist. Denn obwohl meine deutschen Freunde mir immer sagen, dass ich ständig den Wetterbericht lesen soll, lasse ich mich manchmal von der Morgensonne zu leichter Kleidung verführen. Abends erinnere ich mich dann immer daran, dass mir diese Freunde als erstes Geschenk in der neuen Heimat einen Regenschirm überreichten - mit den Worten, ihn immer bei mir zu führen. Diese geliebten Hunde, denen oft wärmer als mir ist, sie gibt es überall: auf den Straßen, in den Parks, in vielen Autos und manchmal sogar in Büros.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 42-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Wenn man den Hund bewundernd anschaut und sanft seinen Nacken streichelt, bedeutet das für Deutsche, dass man eine zivilisierte Person ist. Gleichzeitig zollt man dem Besitzer Respekt für die gute Erziehung des Hundes. Schon kann man mit dem Besitzer sprechen, auch wenn es ein fremder Mensch ist. Anstatt über das Wetter zu sprechen, sagt man nun: "Was für ein schöner Hund" oder "Oh, der Hund hat so schöne Vorderläufe", und anstatt belanglos über das Wetter zu plaudern, gewinnt man vielleicht so - auf der liebevollen, tiefen emotional-animalistischen Ebene - einen neuen Menschenfreund.

Wenn ich jetzt "Hundebesitzer" sage, verletze ich dann eigentlich die Gefühle, die Rechte der Hunde?

"Wir können keinen Hund haben, kauft mir wenigstens dieses Hunde-Müsli!"

Im Supermarkt überraschen mich auch nach fünf Monaten in Deutschland besonders die Hundeabteilungen. Qualität wird hier großgeschrieben - beim Hundefutter, beim Spielzeug für die Hunde und bei wirklich allem, was so ein Hund sonst noch so aus dem Supermarkt benötigen könnte.

Als ich unlängst einkaufen war, sah ich eine non Deutsch family, die alle Mühe hatte, ihr Kind davon abzubringen, dem Familienbudget tränenreich eine Riesenbox Hundetrockenfutter abzupressen. Die Box war so schön gestaltet, voller sanftgezeichneter Fotos von wunderschön im Abendlicht strahlenden Hunden. Das kleine Mädchen weinte: "Wir können doch keinen Hund haben, also kauft mir wenigstens dieses Hunde-Müsli, mit Milch und Schockopulver ist das bestimmt ganz lecker!" Dabei drückte die Kleine das Hundetrockenfutter sehr fest an ihre Brust und gab sich allergrößte Mühe, mit Inbrunst Vierjährigen-Krokodilstränen zu produzieren.

Als ich vor Kurzem in einem Berliner Park war und mich einfach nur über die liebevolle Kunst der Deutschen freute, wunderschöne Gartenlandschaften anzulegen und zu pflegen, sah ich eine deutsche Tierliebhaberfamilie. Ein Mann, eine Frau, ein Hund. Die Ehefrau widmete sich voller Liebe - dem Hund. Sie rief ihn "mein Schätzchen", klatschte immerzu in die Hände, um ihn springen zu lassen, und gab ihm großherzig und ständig Küsschen. Ihr teilnahmsloser Ehemann saß auf der Parkbank neben ihr. Audruckslos schien er hinzunehmen, dass er niemals auch nur annähernd so viel Aufmerksamkeit wie der Hund von seiner Frau empfangen würde.

Arbeitet sein Magen, sein Darm gut, ist der Kleine auch wirklich ganz gesund?

Auch ist mir schon aufgefallen, dass die deutschen Damen ihre Hunde sehr kreativ verwöhnen. Ihre Hunde tragen T-Shirts, Hütchen oder Handschuhe, um auf dem täglichen Spaziergang gut und passend zur Besitzerin auszusehen. Manche ignorieren mit verklärt-debilem Gesichtsausdruck, wenn ihr Tierchen an Elektrizitätskästen oder an Ecken pisst, während andere aufmerksam jeden Köttel, den das Tier zu produzieren gedenkt, bei seinem Ausscheiden verfolgen. Geht es dem Hundi gut? Arbeitet sein Magen, sein Darm gut, ist der Kleine auch wirklich ganz gesund? Die meisten der besorgten Besitzer lassen dann, erleichtert, dass das Tier funktioniert, den Schmutz liegen, statt ihn, wie vom Gesetzgeber aufgetragen, säuberlich zu entsorgen.

Die Gegend in Berlin, in der ich wohne, ist strikt unter rund 150 Hunden aufgeteilt. Direkt vor meinem Fenster heben verschiedene Hunde ihre Beinchen. Im Fünf-Minuten-Takt. Für mich heißt das einfach nur: Den Berliner Hunden geht es gut. Sie haben den ganzen lieben langen Tag lang nichts zu tun, außer zu essen und zu trinken, damit sie (also zumindest die 150 Hunde meiner neuen Berliner Heimatecke) genau den Platz unter meinem Fenster dann als den "ihren" markieren können.

In meinem Land haben Hunde keinen Namen

Ein Freund übersetzte mir eine Unterhaltung zwischen zwei Deutschen. Einer sprach über das Übergewicht seines Hundes, aber auch darüber, wie klug und gewitzt der Hund sei. Mein Freund hätte schwören können, dass der Hund auch einige deutsche Worte buchstabiert haben soll. Ob es dem Hund wohl möglich wäre, mir den Gebrauch des für mich unverständlichen deutschen Akkusativs beizubringen?

Wenn man eine Deutsch Person fragt, was ihn so sehr an seinem Hund begeistert, dann antwortet der Mensch: "Er ist sehr loyal, er betrügt dich nicht, er lügt nicht, er ist niemals sauer auf dich, er ist treuer als ein Mensch." Hilfe, denke ich dann immer, kann der Besitzer nicht einfach sagen, dass es unterhaltsam ist, ein Haustier zu haben?

Ich weiß viel über Deutsche und ihre Hunde, aber wenig über deutschen Humor

Kurz darauf traf ich einen Deutsch Mann, der mir ein Foto seines Hundes auf dem Smartpohne zeigte. Der Hund war richtig schön, und eine Sekunde dachte ich, ich könne einen Scherz machen: "Hey, cooles Selfie, wow, dein Hund ist klug genug, ein Selfie zu machen!" Ich unterließ es - nach fünf Monaten in Deutschland weiß ich bereits viel über Deutsche und ihr Verhältnis zu Hunden, aber kaum etwas über den deutschen Humor.

Vor ein paar Wochen wurde einer der glücklichen Immigranten, die nun in Deutschland leben, von einem Hund gebissen. Ich sah es auf einem Foto im Web. Er war wirklich sehr glücklich, denn er erwähnte, dass er 40 000 Euro als Entschädigung bekommen habe. Am darauffolgenden Tag waren auffällig viele junge Männer um den Platz, an dem er verletzt wurde, und hofften - natürlich für viel Geld - von seinen goldenen Zähnen gebissen zu werden.

In meinem Land, das es eigentlich gar nicht mehr gibt, haben Hunde keinen Namen. Oder - sagen wir, alle haben einen Namen: "Poppy". Unsere Hunde sind in dem Land, das es nicht mehr gibt, leider überhaupt nicht lieblich, sie sind sehr wild geworden. Sie ernähren sich schon seit Jahren von menschlichen Überresten - aber nur von denen, die auf den Straßen liegen oder nicht tief genug in der Erde begraben sind.

Tausende Euro für komplizierte Hunde-Operationen

Einige der Neuankömmlinge aus meiner alten Heimat fragte ich, ob sie auch so einen süßen Haushund wie viele Deutsche haben wollen. "Ach, warum nicht?", sagten einige, doch wollten sie alle zuerst "ein eigenes Haus, genug Essen für die Familie" haben.

Gelesen habe ich, dass es in Deutschland viele Friedhöfe für Hunde gibt, und dass es viele Menschen gibt, die bereit sind, Tausende Euro auszugeben, um ihren kranken Hunden komplizierte Operationen kaufen zu können. Ich weiß nicht, ob es sich schickt, in einer deutschen Zeitung darauf hinzuweisen, dass viele meiner Landsleute ihre Kinder verloren haben, weil sie sich die Behandlungskosten nicht leisten konnten.

Übersetzung: Jasna Zajcek

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