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Syriens Machthaber Assad:Kampf mit dem Rücken zur Wand

Inzwischen pocht auch Deutschland nicht mehr auf Assads Rücktritt als Voraussetzung für eine Befriedung des Landes. "Wir haben nicht zu entscheiden darüber, wie die Menschen in Syrien ihre Zukunft gestalten wollen", sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes am Montag in Berlin auf die Frage, ob eine Ende des Bürgerkrieges in Syrien an den Amtsverzicht des Machthabers in Damaskus gekoppelt sei. Schließlich hatte Berlin ebenso wie Washington erklärt, eine friedliche Zukunft in Syrien könne es nur ohne Assad geben.

Zwar betonte die Sprecherin, es gebe keine Überlegungen, mit Assad im Kampf gegen IS zusammenzuarbeiten: "Wir warnen vor der naiven Logik, der Feind meines Feindes ist mein Freund." Assad habe vielmehr mit seiner "brutalen Politik" dazu beigetragen, dass der IS erstarken konnte. Noch gibt es Widerstand gegen eine Rückkehr Assads aus dem Keller der politischen Schmuddelkinder.

Doch die Bedenken sind nahezu beiseite gewischt. Denn Tatsache ist, dass die sunnitischen IS-Milizen Andersgläubige wie Jesiden, Christen, Schiiten und selbst die mehrheitlich sunnitischen Kurden mit dem Tod bedrohen. Assad selbst ist Angehöriger der schiitischen Sekte der Alawiten. Seine Minderheit wäre die erste, die abgeschlachtet würde, wenn die IS tatsächlich den Kampf gewinnen sollte. Assad kämpft also mit dem Rücken zur Wand.

"Wir haben keine andere Wahl"

Unter seiner Herrschaft war Syrien, trotz aller Repressionen, zumindest ein weitgehend säkulares Land mit privaten Freiheiten. Es war kein Problem, Alkohol zu erwerben, Musik waberte durch alle Stadtteile und zumindest in den christlichen Vierteln der Großstädte Damaskus und Aleppo trugen die jungen Mädchen Miniröcke. Das soll noch heute so sein in den vom Regime beherrschten Stadtvierteln im ganzen Durcheinander der Frontverläufe im Land. Wäre die IS an der Macht, wären selbst diese kleinen Fluchten vorbei. "Selbst wenn wir keine Chance hätten, diesen Kampf zu gewinnen: Wir haben doch keine andere Wahl, als unsere Heimat zu verteidigen", sagte Assad weiter in dem Spiegel-Gespräch. Das bedeutet: Kampf bis zum Tod. Gegen alle Feinde. Nur: Für die staatlichen syrischen Medien sind sämtliche Gegner des Regimes "Terroristen".

Inzwischen sind alle Parteien in Syrien in einen Drei-Fronten-Krieg verwickelt: Assads Soldaten gegen die moderate syrische Opposition, die zunehmend an Einfluss verloren hat, und die IS-Extremisten. Die gemäßigten Rebellen gegen Assads Streitkräfte und die IS. Und die IS gegen die Freie Syrische Armee und gegen das Regime in Damaskus. In der ganzen Unübersichtlichkeit des Krieges begrüßte auch die zersplitterte syrische Opposition die US-geführte Luftoffensive auf Stellungen der IS. Die Weltgemeinschaft sei damit "in unseren Kampf gegen IS eingetreten", teilte die Syrische Nationale Koalition am Dienstag mit. Doch wem werden sie nützen? Profitiert Assad? Oder bedeutet sie eine Wende, erst die IS, dann Assad, wie heute der FAZ-Korrespondent in Kairo behauptet? Nur, wer würde Assad ersetzen?

Anfang des Monats beschrieb Bassam Abdullah, Botschafter der oppositionellen Syrischen Nationalen Koalition in Deutschland, IS und Assad in einem Gastbeitrag für die FAZ als "totalitäre Zwillinge". So habe Assad 2012 mehrere Hundert Islamisten aus dem Gefängnis entlassen, zu denen auch heutige Mitglieder der IS-Führungsriege gehörten. Er habe sich zum "Geburtshelfer des Dschihadismus in Syrien" gemacht, schrieb Abdullah. Weiter: "Assad will das syrische Volk sowie den Westen vor eine infame Wahl stellen: Entweder bleibt sein Regime an der Macht, oder Syrien wird dem IS übergeben." Damit wolle Assad "zugleich Brandstifter und Feuerwehr sein und den Westen in einen Hinterhalt locken", warnte Abdullah.

Wenn dem so sein sollte, dann begleiten ihn irritierenderweise ausgerechnet Saudi-Arabien und Katar, die als ausgemachte Feinde Assads in der arabischen Welt gelten. Im Moment hat er wieder Oberwasser. Totgesagte leben eben länger. In Syrien scheint das ganz besonders zu gelten.