Kurden in Nordsyrien Plötzlich allein im Kampf gegen den IS

Kämpferinnen der YPG/YPJ (Archivbild): Die kurdischen Kräfte in Syriens Nordosten sind überrumpelt davon, dass ihr eben noch engster Verbündeter nun seine Sachen packen will.

(Foto: AFP)
  • Auf Trumps Befehl, die US-Truppen aus Syrien abzuziehen, haben sich US-Politiker und Verbündete bestürzt gezeigt.
  • Die Spitzen der kurdischen Selbstverwaltung äußerten in einem Statement, der Rückzug werde sich "negativ" auf den "Kampf gegen den Terror" auswirken.
  • In der Türkei ist der Jubel dagegen groß. Der türkische Präsident Erdoğan habe Trump zum Truppenrückzug bewegt, heißt es in einem regierungsnahen Sender.
Von Moritz Baumstieger und Christiane Schlötzer

Als die Nachricht aus dem Weißen Haus drang, US-Präsident Donald Trump habe den Abzug der amerikanischen Truppen aus Syrien befohlen, kamen die Reaktionen prompt - unter US-Politikern und bei den Verbündeten dominierten Bestürzung und Kritik. Im Nordosten Syriens selbst, wo die Auswirkungen von Trumps Kehrtwende am stärksten zu spüren sein werden, war man hingegen sprachlos. Die Spitzen der kurdischen Selbstverwaltung wollten sich zunächst nicht äußern, erst am Donnerstag veröffentlichten sie ein dürres Statement. Der Rückzug werde sich "negativ" auf den "Kampf gegen den Terror" auswirken, hieß es darin, den man im Übrigen gerade jetzt noch in "heftigen Schlachten" führe.

Zu überrumpelt waren die Kräfte in Syriens Nordosten davon, dass ihr eben noch engster Verbündeter nun seine Sachen packen will. Die USA hatten dort bisher mindestens 2000 Soldaten zur Ausbildung und Beratung von Anti-IS-Kämpfern stationiert - und alleine diese Präsenz bot Schutz vor einem Angriff der Türkei. In Kobanê, wo 2014 so etwas wie der Gründungsmythos der Anti-IS-Koalition gelegt wurde, als kurdische Milizen die Stadt mit Hilfe westlicher Staaten gegen den IS verteidigten, reagierten die Sicherheitskräfte auf ihre Art. Schon vor Tagen hatten sie begonnen, Schützengräben entlang der türkischen Grenze anzulegen. Bilder aus sozialen Netzwerken legen nahe, dass die Erdarbeiten seit Mittwoch intensiviert wurden; aus der diffusen Angst vor einer Invasion war nun eine ganz konkrete geworden.

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Auf der anderen Seite der Grenze hingegen war der Jubel groß. Für den regierungsnahen türkischen Sender A Haber stand am Donnerstagmorgen fest, dass die überraschende Wende in Washington Folge der "Erdoğan-Diplomatie" war. Der türkische Präsident habe Trump zum Truppenrückzug bewegt. Erdoğan hat das Bündnis zwischen den USA und der kurdischen YPG-Miliz stets heftig kritisiert - nach Überzeugung Ankaras ist die Gruppe Teil der kurdischen PKK, die in der Türkei seit 35 Jahren einen blutigen Kampf gegen die Armee führt. In der vergangenen Woche drohte Erdoğan deshalb wiederholt mit einer neuen militärischen Operation in Nordsyrien, im Gebiet östlich des Euphrat. War es also diese Drohung, die Trumps plötzlichen Sinneswandel bewirkte? Jedenfalls war die Türkei vorab vom Abzug informiert.

Erdoğan habe von Trump eine "positive Antwort" bekommen

Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu behauptete schon am vergangenen Sonntag, Trump plane den Rückzug aus Syrien. Nur hat dies keiner geglaubt. Am Montag sagte Erdoğan dann im Fernsehen, er habe von Trump eine "positive Antwort" bekommen: "Wir können unsere Operation auf syrischem Boden jeden Moment starten, ohne amerikanischen Soldaten zu schaden." Am Mittwoch wurde zudem bekannt, dass Washington der Türkei nun doch Patriot-Abwehrraketen für 3,5 Milliarden Dollar verkaufen will. Ankara hatte das lange gefordert und auch begleitend eine Drohkulisse aufgebaut, einen Vertrag mit Moskau zum Kauf des russischen Abwehrsystems S 400, zum großen Ärger Washingtons.

Das alles zusammengenommen wirkt so, als habe sich Trump dafür entschieden, die lange schwer belasteten Beziehungen zum Nato-Partner Türkei mit einem Federstrich wieder grundlegend zu verbessern.

Mit demselben Federstrich - oder besser: mit denselben Worten auf Twitter - hat Trump jedoch aller Voraussicht nach auch ein politisches Projekt seinem Ende nahe gebracht. Manche wie Erdoğan verteufelten es, andere, etwa linke Gruppen weltweit, idealisierten es: die "Demokratische Föderation Nordsyrien". So nennen sich die selbstverwalteten Gebiete östlich des Euphrat selbst. Auf fast einem Drittel des syrischen Staatsgebiets war hier ein Gebilde entstanden, das sich der Logik des Bürgerkrieges ein Stück weit entzog. Unter dem Schutz der YPG hatten die Kurden zunächst in ihren Gebieten begonnen, die Lehren des in der Türkei inhaftierten PKK-Gründers Abdullah Öcalan umzusetzen. Kommunen und Kantone sollten sich selbst verwalten, politische Entscheidungen basisdemokratisch in Räten treffen.

Dieses System installierten die Kurden auch in den mehrheitlich arabisch oder turkmenisch bewohnten Gebieten, die sie vom IS eroberten. Kritiker betonen, dass die Gremien dort zwar multiethnisch besetzt seien, die Entscheidungen aber letztlich von PKK-nahen Kadern getroffen würden, die von pluralistischer Meinungsbildung nicht viel hielten. Unterstützer der Kurden sagen, dass hier für schätzungsweise 4,5 Millionen Menschen ein Gebiet entstanden sei, in dem eine säkulare Grundordnung auch Frauen ein gleichberechtigtes Leben ermögliche. Sie kämpften nicht nur gegen den IS mit den Männern Seite an Seite, sondern besetzen auch zivile Führungspositionen - Doppelspitzen mit je einem Mann und einer Frau sind hier vorgeschrieben.

Im Nordosten Syriens ist das Trauma noch frisch

Türkische TV-Stationen senden seit Tagen vom Grenzzaun und fragen jeden Morgen: "Wann geht es los?" Dazu zeigen sie die immer gleichen Bilder von türkischen Panzern und Militärlastern, die sich positioniert haben. Die Türkei würde vermutlich auch aus der Luft bombardieren, dagegen hätten die kurdischen Milizen am Boden trotz der von den USA überlassenen Ausrüstung wohl wenig Chancen. Im Nordosten Syriens ist das Trauma noch frisch, das die türkische Armee im Januar mit ihrer Invasion der Kurdenenklave Afrin auslöste. Der YPG gelang es nicht, das Gebiet zu verteidigen, Berichten zufolge vertrieb die türkische Armee hier Zehntausende und siedelte arabische Familien an. Bei einem neuen Angriff könnten sich erneut Hunderttausende auf den Weg machen - dabei bleibt ihnen nur eine Richtung: nach Süden, in die Gebiete des Regimes. Der Weg nach Norden in die Türkei ist keine Option, die Kurden im Osten, im Irak, halten ihre Grenze bisher dicht.

Um einen türkischen Angriff abzuwehren, werden die Kurden nun wohl versuchen, einen Deal mit dem Regime in Damaskus zu erreichen. Während des Bürgerkriegs waren sich die YPG und Assad-treue Kräfte so gut es ging aus dem Weg gegangen, hatten teils aber auch kooperiert. Und als Trump im April erstmals von einem baldigen Abzug sprach, reiste eine kurdische Delegation nach Damaskus. Die Gespräche scheiterten jedoch im Juli. Während für die Kurden eine Dezentralisierung Grundbedingung für jede Nachkriegsordnung ist, "will das Regime am allmächtigen Zentralstaat festhalten", zitiert die Zeitung Die Welt eine kurdische Teilnehmerin der Verhandlungen.

An Gesprächen scheint man nun allem Säbelrasseln zum Trotz auch in Ankara interessiert. Am Donnerstag äußerte sich die türkische Regierung auffällig zurückhaltend. Erdoğan sagte nach einem Treffen mit Irans Präsidenten Hassan Rohani in Ankara: "Wir sollten Syrien miteinbeziehen." Das klang nach politischer Lösungssuche. Und Çavuşoğlu hatte noch eine Überraschung parat. Laut Hürriyet sagte er türkischen Journalisten, Trump wolle die Türkei besuchen, schon bald.

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