Syrien Die US-Generäle stellen ihre Entschlossenheit unter Beweis

Der Osten Syriens ist Schauplatz eines vorgezogenen Endspiels. Wie weit sind die USA und Russland bereit, sich für ihre jeweiligen Klienten einspannen zu lassen?

Kommentar von Paul-Anton Krüger

Syriens Osten wurde im Bürgerkrieg lange Zeit nicht beachtet: Präsident Baschar al-Assad konzentrierte sich darauf, Kerngebiete des Regimes in Damaskus und am Mittelmeer zu verteidigen. Nachdem Russland in den Krieg eingegriffen hatte, galt die Priorität den Bevölkerungszentren in der Mitte und im Norden des Landes. Aleppo wurde erobert, gemäßigte Rebellen sollten aufgerieben werden. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) war nie eine Gefahr für den Machterhalt des Regimes. Die Dschihadisten konnten sich daher weitgehend unbehelligt breitmachen im Tal des Euphrat und in Teilen der syrischen Wüste weiter im Süden.

Auch die USA, die von ihnen geführte internationale Koalition gegen den IS und deren lokale Verbündete genossen relativ große Bewegungsfreiheit, de facto geduldet vom Regime und auch von den Russen. Das hat sich in den vergangenen Monaten radikal geändert. Der Osten Syriens ist Schauplatz eines vorgezogenen Endspiels geworden, in dem nicht nur über die künftige Ordnung im Land, sondern auch über das regionale Kräfteverhältnis auf Jahrzehnte hinaus entschieden werden könnte.

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Sichtbare Zeichen dafür sind die sich häufenden Angriffe regimenaher Einheiten auf die mit den USA verbündeten Rebellen der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), also kurdische, arabische und christliche Milizen, die in Raqqa gegen den IS kämpfen. Jetzt haben diese Scharmützel einen vorläufigen Höhepunkt erreicht: Ein US-Kampfjet hat einen syrischen Jagdbomber abgeschossen. Gleichzeitig haben die Revolutionsgarden aus Iran IS-Stellungen angegriffen - vorgeblich eine Vergeltung für die Anschläge in Teheran.

In dem Gebiet prallen Interessen der syrischen und der regionalen Kriegsparteien aufeinander. Iran und die Hisbollah wollen die Grenze zum Irak unter ihre Kontrolle bringen, dann wäre eine Landbrücke von der Levante nach Iran gebaut und die Versorgung der Schiitenmiliz in Libanon gesichert. Der Grundstein wäre gelegt für die militärische Dominanz der Revolutionsgarden und ihrer Verbündeten im Irak, in Syrien und Libanon. Assad kann damit leben, solange er seinem Ziel zumindest nominell näherkommt, das gesamte syrische Territorium militärisch zurückzuerobern.

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Für die arabischen SDF-Kämpfer geht es darum, dem IS Land abzunehmen - und damit nach den Niederlagen des vergangenen Jahres eine neue Basis für ihren Kampf gegen Assad zu schaffen. Entscheidend für den Ausgang dieses geopolitischen Wettlaufs wird aber sein, wie weit die USA und Russland bereit sind, sich für die Agenda ihrer jeweiligen Klienten einspannen zu lassen. Die Amerikaner können kaum die SDF ans Messer liefern - die haben nämlich die blutige Schlacht gegen den harten Kern des IS zu schlagen.

Die Angriffe des Regimes, etwa mit dem Jagdbomber, dienen als Test, ob die Amerikaner trotz der Anwesenheit der russischen Schutzmacht bereit sind, ihre Verbündeten zu verteidigen. Die Antwort hat Präsident Donald Trump schon vor einiger Zeit gegeben, er will dem Einfluss Irans Grenzen setzen. Eine Schutzzone im Osten Syriens würde auch als Riegel wirken. Die Russen könnten die Situation nutzen, um Assad in eine politische Lösung des Konflikts zu nötigen und ihrem angeblichen Ziel des Syrien-Einsatzes Priorität zu geben: der Bekämpfung des IS. Oder sie eskalieren ihrerseits, nachdem Trump ihre Erwartungen nicht erfüllt und ihnen keinen Deal nach ihrem Geschmack erlaubt.

So stehen gefährliche Tage bevor. Barack Obama wollte diese Zuspitzung um jeden Preis vermeiden. Unter Trump aber haben Generäle das Sagen, die sehen wollen, ob Moskau für Assads Interessen eine ernste Konfrontation riskiert - oder nur blufft. Ihre Entschlossenheit haben sie mit dem Abschuss unter Beweis gestellt.

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