Israel setzt Glyphosat ein„Wenn ich hier etwas pflanze, wird es nur wieder zerstört“

Lesezeit: 5 Min.

Nach Angaben der betroffenen Bauern zeigt diese Aufnahme, wie ein von Israel kommendes Flugzeug Anfang des Jahres Glyphosat auf Feldern in Syrien versprüht. Oben auf dem Hügel hat die israelische Armee einen Überwachungsposten errichtet.
Nach Angaben der betroffenen Bauern zeigt diese Aufnahme, wie ein von Israel kommendes Flugzeug Anfang des Jahres Glyphosat auf Feldern in Syrien versprüht. Oben auf dem Hügel hat die israelische Armee einen Überwachungsposten errichtet.
privat
  • Israel versprüht seit Januar tonnenweise Glyphosat über Felder in Syrien und Libanon. In Syrien sind in 70 Dörfern 480 Hektar landwirtschaftliche Fläche betroffen.
  • Auf den Feldern wächst nichts mehr: kein Weizen, keine Auberginen, keine Linsen. Auch Olivenbäume sind betroffen. Die Konzentration des Herbizids liegt laut Laboranalysen 30- bis 50-mal höher als die übliche Dosis.
  • Libanons Landwirtschaftsminister beziffert den Schaden auf 800 Millionen US-Dollar, beide Regierungen haben kein Geld für Entschädigungen der Bauern.
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Israel schickt Flugzeuge über die Grenze nach Syrien und Libanon, sie versprühen Glyphosat, danach wächst nichts mehr. Zu Besuch bei verzweifelten Bauern.

Von Bernd Dörries, Samdaniah

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Hayel Alabdallah sitzt auf der Veranda seiner Terrasse und malt mit dem Finger Linien in die Luft. Wie ein Lotse lässt er die Flugzeuge noch einmal den Himmel entlangfliegen. Von links kamen sie, von den Höhen des Golan auf der israelischen Seite, wo man jetzt die großen Windräder sieht, sie flogen an seinem Haus vorbei nach rechts zu den Feldern der Familie, auf denen sie Weizen anbauen. Er sah die Flugzeuge im Januar, im Februar und Anfang März, klein waren sie und zogen einen großen Schweif Flüssigkeit hinter sich her, die sie verspritzten.

„Ich wusste sofort, dass es gefährlich wird, das Vieh ist sofort weggelaufen“, sagt Hayel Alabdallah. Er ist 81 Jahre alt, würde aber auch für gut zwei Jahrzehnte jünger durchgehen. Er trägt das Shemagh auf dem Kopf, das Tuch der Beduinen.

„Seit die Flugzeuge kamen, wächst nichts mehr auf unseren Feldern“, sagt der Bauer Hayel Alabdallah.
„Seit die Flugzeuge kamen, wächst nichts mehr auf unseren Feldern“, sagt der Bauer Hayel Alabdallah.
Bernd Dörries

Seit vielen Generationen lebt die Familie hier im Dorf Samdaniah, seit Jahrzehnten baute sie Weizen an auf 30 Hektar und lebte damit ganz gut, auch während des Bürgerkriegs. „Seit die Flugzeuge kamen, wächst aber nichts mehr auf unseren Feldern“, sagt Alabdallah. „Wovon sollen wir leben, die Regierung hilft uns nicht, niemand hilft uns.“

Etwa ein halbes Jahr ist es her, dass die israelischen Flugzeuge im Süden Syriens und in den grenznahen Regionen in Libanon tonnenweise Glyphosat versprühten.

SZ-Grafik

In Syrien sind nach Angaben der Behörden 70 Dörfer betroffen, mit einer landwirtschaftlichen Fläche von 480 Hektar, was in etwa 700 Fußballfeldern entspricht. Auf den Feldern wächst nichts mehr: kein Weizen, keine Auberginen, keine Linsen. Auch Olivenbäume sind betroffen, sie bekommen gelbe Blätter, viele sterben ganz ab.

Die Felder von Hayel Alabdallah, auf denen früher Weizen wuchs.
Die Felder von Hayel Alabdallah, auf denen früher Weizen wuchs.
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In Libanon spricht Landwirtschaftsminister Nizar Hani von einem Schaden von 800 Millionen US-Dollar. Ausgelöst durch das Versprühen von Glyphosat, das auch vom deutschen Bayer-Konzern hergestellt und vertrieben wird - der aber nach eigenen Angaben nicht die israelische Armee beliefert.

„Dieses Herbizid zerstört alles, wenn es in so hohen Konzentrationen wie von Israel eingesetzt wird: 30- bis 50-mal so hoch wie die übliche Dosis“, sagt Landwirtschaftsminister Hani. Das hätten Laboranalysen ergeben.

Präsident Joseph Aoun sprach von einem „Umwelt- und Gesundheitsverbrechen“ und reichte im Juni offizielle Beschwerde bei den Vereinten Nationen ein. Geld, um den betroffenen Bauern zu helfen, hat seine Regierung nicht, genauso wenig wie die in Syrien.

Er steht jetzt vor dem Nichts

Hayel Alabdallah ist nicht nur Bauer, sondern auch der Muchtar der Region, der Dorfbürgermeister. Es ist ein Titel, der hier vererbt wird, schon der Vater und der Großvater hatten ihn. Fast jeden Tag klingele sein Handy, sagt Alabdallah, Nachbarn und Bauern der Region fragten ihn, was sie nun machen sollen. Wovon sie leben sollen. Alabdallah weiß es selbst nicht. Seine Ernte sei 3000 Dollar wert gewesen. Jetzt steht er vor dem Nichts. „Wir sind eine große Familie, hier leben mehrere Generationen im Haus, 29 Personen“, sagt er. Wenn sie aufs Klo wollen, müssen sie sich manchmal in einer Schlange anstellen.

Alabdallah hätte sich auch etwas anderes vorstellen können, als Bauer und Bürgermeister zu werden, er hat an der Universität von Damaskus Geschichte studiert und dort auch Hebräisch gelernt. „Ich weiß, was sie essen, ich kenne ihre Lieder“, sagt er und schaut auf die Höhen des Golan ein paar Kilometer entfernt, die Israel 1967 von Syrien erobert und 1981 völkerrechtswidrig annektiert hat. „Es gibt den Plan, uns auch von hier zu vertreiben, das glaube ich. Sie machen uns das Leben schwer, bis wir gehen“, sagt Alabdallah. Das Versprühen von Pflanzengift sei ein wichtiger Teil dieser Strategie, glaubt er.

Außerdem ist da das immer größer werdende Problem der Landnahme: Es gibt mittlerweile zehn israelische Militärbasen innerhalb von Syrien, dessen Regierung immer betont hat, keinerlei Konflikte mit den Nachbarn zu suchen. Es geht von Syrien bisher keine ernsthafte Gefahr für Israel aus, dennoch hält die israelische Armee immer mehr syrische Gebiete besetzt, greift regelmäßig an.

Viele Felder, auf denen Glyphosat versprüht wurde, liegen direkt unterhalb eines Bergs, von dem aus die Israelis von stark befestigten Überwachungsposten aus die Gegend observieren. Die Felder liegen leer und braun da. Die israelische Armee äußert sich auf Anfrage nicht zu dem Versprühen von Glyphosat.

In unmittelbarer Nähe zum Gazastreifen versprühten israelische Flugzeuge 2014 zum ersten Mal hochkonzentrierte Herbizide. Das geschah zwar über israelischem Luftraum, aber immer dann, wenn der Wind so stand, dass das Gift nach Gaza wehte. Einst üppige Landschaften wurden in Wüste verwandelt.

Ein Bauer zeigt ein Blatt Hindbeh nach der Besprühung – eine Art Spinat, der roh zu Brot gegessen wird.
Ein Bauer zeigt ein Blatt Hindbeh nach der Besprühung – eine Art Spinat, der roh zu Brot gegessen wird.
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Israelische Medien berichteten, dass in den Verträgen mit den privaten Flugfirmen damals auch die Namen der Herbizide aufgeführt worden seien, die benutzt werden sollten: Roundup, das zumeist den umstrittenen Wirkstoff Glyphosat enthält, das damals noch vom US-Konzern Monsanto produziert wurde, den Bayer 2018 übernahm.

Damit erbte Bayer auch all die Probleme in Zusammenhang mit Glyphosat. In den USA gab es Zehntausende Klagen wegen der angeblichen Krebsgefahr des Herbizids, die von mehreren europäischen Regulationsbehörden aber verneint wurde. Im Frühjahr verkündete Bayer eine Einigung mit einer Reihe von Klägern und die Zahlung von bis zu sieben Milliarden Dollar. Im Juni entschied der Oberste Gerichtshof in einem Verfahren für den Konzern. Die Dinge schienen sich zum Besseren zu wenden.

In Südlibanon wurden ganze Olivenhaine zerstört

Mehrere NGOs werfen Bayer nun aber vor, in Libanon und Syrien mit der Lieferung von Glyphosat und weißem Phosphor zu einer „Politik der verbrannten Erde“ beizutragen, die darauf abziele, „das Land unbewohnbar zu machen“.

Die libanesische Organisation Public Works Studio, die zusammen mit der deutschen Hilfsorganisation Medico eine Studie über die chemischen Angriffe Israels angefertigt hat, dokumentiert den Abschuss von „397 Phosphor-Geschossen auf Dutzende Gemeinden und Städte des Südlibanon, die sowohl Menschen als auch Umwelt langfristige Schäden zufügen“. Der Einsatz von Phosphor-Bomben ist nach der UN-Waffenkonvention in zivilen oder bewaldeten Gebieten verboten, sie verursachen Feuer von bis zu 1300 Grad Celsius, die kaum zu löschen sind und tief in den Boden eindringen; sie machen die Vegetation dauerhaft kaputt.

In Südlibanon wurden ganze Olivenhaine zerstört. „Die israelische Besatzungsmacht versucht, die Lebensbedingungen nachhaltig zu zerstören“, sagt Rayan Alaeddine von Public Works Studio. Die israelische Armee dementiert auf Anfrage, Phosphor-Bomben einzusetzen. „Wie viele westliche Streitkräfte verfügt auch die IDF über Rauchgranaten, die weißen Phosphor enthalten und nach internationalem Recht zulässig sind. Diese Granaten werden von der IDF zur Erzeugung von Rauchvorhängen und nicht zur Zielerfassung oder zur Auslösung von Bränden eingesetzt.“ Gebrannt hat es dennoch im Süden Libanons. „Bis heute beläuft sich die Gesamtfläche der durch israelische Angriffe beschädigten landwirtschaftlichen Flächen auf 22,5 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Libanons“, teilt Greenpeace mit.

Auch der für die Bomben verwendete weiße Phosphor könne von Bayer geliefert werden, vermuten Aktivisten. Belege dafür, dass das in Libanon und Syrien versprühte Glyphosat oder der weiße Phosphor tatsächlich von Bayer stammen, gibt es keine. „Wir beliefern den Staat Israel weder mit Glyphosat noch mit weißem Phosphor“, sagt ein Bayer-Sprecher. Der Marktanteil von Glyphosat in Israel sei „marginal, weil der Markt von Generikaherstellern dominiert wird“.

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Seine Tochter ist bereits nach Deutschland gegangen

Das ändert nichts an den Schäden. Das Landwirtschaftsministerium in Syrien teilt auf Anfrage mit: „Die Sprühaktion hatte erhebliche Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Produktion. Große Weideflächen fielen vollständig aus der landwirtschaftlichen Nutzung heraus, wodurch die Viehhalter den Zugang zu wichtigen Weideflächen verloren, die zuvor einen wesentlichen Teil des Futterbedarfs ihrer Tiere deckten. Infolgedessen waren sie gezwungen, Futtermittel zuzukaufen, was zu erheblichen finanziellen Verlusten führte und viele dazu veranlasste, einen Teil ihres Viehbestandes zu verkaufen.“

Die Flächen liegen in einem Teil Syriens, der zu einer demilitarisierten Pufferzone gehört, die von der United Nations Disengagement Observer Force (Undof) überwacht wird.

Deren Truppen seien nach den Sprühaktionen auch immer mit ihren weiß gestrichenen Panzerwagen ausgerückt, sagen die Bauern. Die UN bestätigt auf Anfrage aber lediglich, dass die Sprühflugzeuge aus Israel gekommen seien. Das wussten die Bauern auch schon vorher.

Alabdallah sitzt auf der Terrasse seines Hauses, schaut auf den Golan und erzählt, dass er ein paar Felder weiter im Landesinneren gepachtet hat, um dort Auberginen zu pflanzen, Gurken und Bohnen. Das reiche zum Leben, mehr aber auch nicht. Seine Tochter ist bereits nach Deutschland gegangen. In ein Land, in dem es sich besser leben lässt, so sieht es Alabdallah. „Wenn ich hier wieder etwas pflanze, wird es nur wieder zerstört.“

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