Syrien-Krieg Blut im grauen Staub Aleppos

Drohnenflug über Aleppo: Menschen in den Trümmern eines Häuserkomplexes.

(Foto: REUTERS)

Im Osten der syrischen Stadt ist niemand mehr sicher, die Bilder sind an Grausamkeit kaum zu überbieten. Moskau aber lobt Assad für seine "Zurückhaltung".

Von Paul-Anton Krüger

Mahmoud Raschwani kann nicht helfen, er muss von außen zusehen, was mit dem Osten von Aleppo geschieht. Er ist einer der Freiwilligen, ohne die es im Ostteil der Stadt, der vom Regime belagert wird, schon längst keine Krankenhäuser mehr geben würde. Als die Rebellen für einige Tage die Belagerung durchbrochen hatten, schlüpfte er heraus aus dem Kessel. Jetzt kommt er nicht mehr zurück; er hängt fest, keine fünf Kilometer entfernt von dort, wo die Bomben einschlagen. "Es ist ein beschissenes Gefühl, hier zu sitzen, und nichts tun zu können", sagt er. "Alle meine Freunde sind da drin, und ich sehe nur die Blitze und die Feuerbälle, wenn die Bomben hochgehen." Die Verbindung reicht, um per Internet kurze Sprachnachrichten zu senden; das Grollen der Kampfjets ist im Hintergrund unverkennbar zu hören.

Der russische UN-Botschafter Witalij Tschurkin bescheinigte dem Regime von Baschar al-Assad in einer Sondersitzung des Sicherheitsrates "bewundernswerte Zurückhaltung". Die Realität sieht laut Raschwani so aus: Aleppo wurde am Samstag von 150 Luftangriffen getroffen, am Sonntag waren es 123, und in der Nacht zum Montag ging das Bombardement unvermindert weiter. Weit mehr als 200 Menschen starben. Eine Miliz des Regimes hat versucht, das palästinensische Flüchtlingslager Handarat zu erobern und den Belagerungsring enger zu ziehen, die Rebellen haben den Angriff abgewehrt. Also geht das Bombardement weiter. Tags kann Mahmoud Raschwani die Flugzeuge sehen und die Hubschrauber des Regimes, die Fassbomben abwerfen. In der Nacht hört er nur das Kreischen der Düsenjets.

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Tschurkin bestritt, dass russische Flugzeuge beteiligt seien, sein Außenminister Sergej Lawrow dagegen hatte dem Kommersant jüngst in den Block diktiert, dass Assads Luftwaffe "nachts nicht fliegen kann". Mahmoud Raschwani sagt: "Die Menschen sind seit 2011 in Aleppo. Sie haben viel durchlitten, Bombardements und Luftangriffe. Aber so etwas wie in den vergangenen Tagen haben sie noch nicht erlebt. Es ist wirklich die Hölle."

Die Hälfte aller Verletzten sind Kinder

Das ungekannte Ausmaß von Tod, Leid und Zerstörung bringt nicht nur die bislang unerreichte Zahl der Attacken mit sich, die rund um die Uhr die Stadt treffen. Es ist auch die Art der Waffen und die Auswahl der Ziele. "Wir haben Berichte, Videos und Bilder von Brandbombeneinsätzen, die so gewaltige Feuerbälle erzeugen, dass sie die pechschwarze Dunkelheit in Ost-Aleppo erleuchten, als ob es Tag wäre", sagte der UN-Sondergesandte Staffan de Mistura vor dem Sicherheitsrat. Von bunkerbrechenden Bomben sei die Rede, es gebe Bilder von Kratern, die viel größer seien als bei früheren Bombenangriffen. "Zivilisten überall in der Stadt müssen sich fragen, wo auf Erden sie in dieser gequälten Stadt noch sicher sein können."

Aleppo liegt in Schutt und Asche

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Die Antwort: nirgends. Nicht mehr in unterirdischen Schutzräumen, in denen sich die Menschen zuletzt noch vor den Bomben verstecken konnten. Nicht in den Krankenhäusern, die auch in dieser Angriffswelle nicht verschont wurden. Nach einem Treffer können die Bewohner oft nicht mehr auf Rettung hoffen. Drei der vier Zentren der Zivilschutzorganisation Weißhelme, gerade mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt, wurden getroffen, Feuerwehrfahrzeuge und Rettungswagen zerstört. Die Straßen sind von Schutt blockiert, es gibt kaum noch Treibstoff. Die Menschen müssen mit bloßen Händen nach ihren Verwandten graben.

Die Bilder und Videos aus der Stadt sind so grausam, dass sie kaum auszuhalten sind. Eine Mutter mit ihrem Kind im Arm und einem kleinen Jungen daneben, verschüttet von Trümmern, die sie erschlagen haben, die Hand noch schützend zum Kopf gehoben. Blut im grauen Staub des Betons. Weißhelme, die unter den Deckenplatten eines eingestürzten Hauses drei Kinder herausziehen, lebend diesmal. Kinder, die an den offenen Leichensäcken um ihre Eltern trauern, oder Eltern um ihre Kinder. Die Hälfte aller Verletzten, die noch eines der improvisierten Krankenhäuser erreichen, sind Kinder, berichtet ein Arzt, der noch in der Stadt ist. Unter den Trümmern, die sich mancherorts meterhoch auftürmen, liegen wohl noch Dutzende Leichen.

Fünf Chirurgen im Ostteil der Stadt operieren 20 Stunden am Tag

Osama Abu al-Ezz, ein Chirurg, der vor vier Wochen noch selbst in Aleppo operiert hat und jetzt auch außerhalb der Stadt ist, sagt, die Kliniken seien völlig überlastet. Menschen liegen auf dem blutverschmierten Boden. Es fehlt demnach an allem, Verbandszeug, Narkose- und Schmerzmittel, medizinischem Gerät. Sie haben nicht genug Pfleger, gerade fünf Chirurgen gibt es noch in Ost-Aleppo. Die Ärzte operieren 20 Stunden ohne Pause, immer in der Angst, dass auch ihr Operationssaal getroffen werden könnte. Wenn sie nicht weiterwissen, gibt Osama ihnen Rat aus der Ferne. Nicht alle Verletzten können behandelt werden. Die Ärzte müssen entscheiden, wer die größte Chance hat zu überleben.

Auch jene Bewohner, die nicht von den Bomben getroffen werden, kämpfen ums Überleben. Nahrungsmittel werden knapp, es gibt nur Bohnen und Reis, keine Gemüse mehr oder Obst, kein Brot. Die Märkte sind geschlossen. "Fließendes Wasser und Strom haben wir im Osten schon seit drei Jahren nicht mehr", sagt Mahmoud Raschwani. Aber jetzt geht auch der Sprit aus, mit dem sie die Generatoren betreiben. Die hielten noch die Pumpen am Laufen für die Brunnen, aus denen aber nur trübes, salziges Wasser kommt, das sich eigentlich nicht zum Trinken eignet.

Auch die 1,6 Millionen Menschen im von der Regierung gehaltenen Westteil Aleppos leiden. Rebellen schießen großkalibrige Raketen hinüber, improvisiert aus Gasflaschen, die zivile Gebiete treffen und Menschen töten. Aber im Westteil sind sie nicht der permanenten Bedrohung aus der Luft ausgesetzt, dem unablässigen Bombenhagel. "275 000 Menschen leben noch in Ost-Aleppo", sagte ein frustrierter Staffan de Mistura in New York. "Sie können nicht alle Terroristen sein." Aber sie lebten konstant unter Belagerung, Hunderte seien getötet worden, seitdem die Luftangriffe wieder begonnen haben. "Wie Sie wissen, habe ich jetzt in 17 Kriegen 46 Jahre lang bei den UN gearbeitet, und ich habe nie etwas gesehen, das dem Horror der vergangenen Tage gleichkommt."

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