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Syrien:Wie ein Vater aus dem Krieg ein Spiel macht, um sein Kind zu schützen

Abdullah al-Mohammed mit seiner Tochter Salwa Mitte Februar in Syrien.

(Foto: AFP)

Der Syrer Abdullah al-Mohammed will nicht, dass der Krieg seine kleine Tochter traumatisiert. Also bringt er sie bei jeder Bombe zum Lachen - und rettet die Familie damit ins Ausland.

Klar sei der Kriegsalltag grauenhaft, unmenschlich, zermürbend - aber er sei eben auch ein Alltag, sagt Abdullah al-Mohammed. Der 32-Jährige kommt aus der syrischen Stadt Sarakeb in der umkämpften Provinz Idlib im Nordwesten des Landes. Seit neun Jahren ist sein Alltag ein Kriegsalltag. Anfangs, erzählt er am Telefon, hat in dieser Zeit niemand geheiratet. Das Leben stand still. Aber irgendwann gewöhnen sich Menschen an alles, auch an Krieg. Vor fünf Jahren heiratete al-Mohammed, zwei Jahre später kam seine Tochter Salwa zur Welt. Der Vater wollte nicht, dass seine Kleine traumatisiert wird. Also spielt er ein Spiel mit ihr, jedes Mal, wenn draußen Bomben fallen, und das passierte in den vergangenen Wochen täglich. Dann lachen sie gemeinsam. Bombe. Gelächter. Bombe. Gelächter. "Sie dachte, es sind Böller, mit denen die Nachbarkinder uns erschrecken wollen", sagt er. 20 Sekunden davon landeten als Video im Netz. Und gingen um die Welt.

Es war nicht Abdullah al-Mohammed, der das Video teilte. Keine Strategie, die aufging. Der Vater hatte die Sequenz an Freunde geschickt. Einer von ihnen lebt in der Türkei. Er lud das Video Mitte Februar ins Internet - und diese Szene, aufgenommen auf der Couch, schlug derart ein, dass Journalisten weltweit über die Traumastrategie des Vaters berichteten. Seit wenigen Tagen ist al-Mohammed mit Frau und Tochter nun in Sicherheit in der Türkei. Türkische Journalisten hatten ihn zu Hause besucht, sie tauschten Whatsapp-Nummern aus, kurze Zeit später kam die Nachricht, er solle zu einer bestimmten Zeit an die Grenze kommen. Sie ließen ihn durch. Dabei hat die Türkei die Grenze zu Syrien in den vergangenen vier Jahren geschlossen und eine 556 Kilometer lange Mauer gebaut. Hunderttausende Syrer harren derzeit an der Grenze aus, in Nylonzelten, bei klirrender Kälte.

Er habe deshalb ein wahnsinnig schlechtes Gewissen, sagt er. "Es gibt Tausende Menschen, die diese Flucht nötiger hätten. Mit diesem Gedanken zu leben fühlt sich schrecklich an, aber ich habe es für mein Kind getan."

Die Situation sei in den vergangenen Monaten unerträglich geworden. "Die Kinder hören auf zu fragen, ob sie zum Spielplatz gehen dürfen oder was Süßes bekommen. Sie wollen nur noch ein Dach über dem Kopf." Die Truppen von Machthaber Baschar al-Assad rücken derzeit in die letzten Rebellengebiete vor. Ende Dezember floh al-Mohammed mit seiner Familie aus Sarakeb. Dort hatte er einen Internetladen geführt. Mehrmals war dieser bei Luftangriffen zerstört worden, aber er hatte ihn einfach wiederaufgebaut. Denn er hatte etwas, was viele Syrer mittlerweile haben, wie er sagt: eine Krokodilshaut. Nichts schockiere sie mehr. Das habe er auch denjenigen geantwortet, die ihn fragten, wie er nur lachen könne. In diesen Zeiten. Er habe gesagt: "Ich könnte jede Sekunde sterben. Die will ich nicht in Angst verbringen, sondern mit einem Lächeln im Gesicht."

In seiner neuen Bleibe im türkischen Grenzort Hatay sucht al-Mohammed nach einer Arbeit. Hilfe von den türkischen Behörden bekomme er dabei nicht. Er schäme sich auch nachzufragen. Immerhin haben sie seine Familie ins Land gelassen. Und wie sagt ein arabisches Sprichwort? "Wenn dein Schatz wie Honig ist, dann schlecke ihn nicht komplett ab."

Wenn er die vergangenen Tage Revue passieren lässt, wird al-Mohammed nachdenklich. Warum war es ausgerechnet sein Video, das Menschen in Brasilien, Japan, den USA, Kolumbien, China, Deutschland, Frankreich zu Tränen gerührt hat? "Offenbar haben die Menschen die Nase voll von weinenden, frierenden, toten Kindern aus Syrien." Ein lachendes Kind? "Das ist mal 'ne echte Neuigkeit", sagt der Vater. Dann sagt er, wie wahnsinnig diese Welt doch sei. Wie ungerecht. "Wir sind alle Menschen. Wir atmen gleich. Warum lässt man uns Syrer einfach so sterben?" Das sei doch alles Mist, sagt er. Und lacht wieder.

© SZ vom 29.02.2020/lalse
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