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Syrien-Krieg:Erdoğan in der Klemme

Der türkische Staatschef kam als Bittsteller nach Moskau: Seine Truppen haben keine Chance gegen Putins Streitmacht, sein Land ist wirtschaftlich abhängig von Russland. Das kommt Putin in vielerlei Hinsicht gelegen.

Von Tomas Avenarius

Keine drei Stunden dauert der Flug von Ankara nach Moskau, viel mehr Zeit hatte der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan also am Donnerstag nicht, sich auf sein Treffen mit Wladimir Putin noch einmal geistig vorzubereiten. Wobei auch ein Zwölf-Stunden-Flug Erdoğans Probleme nicht gelöst hätte: Der türkische Staatschef kam offensichtlich als Bittsteller in den Kreml. Der Krieg in Idlib, der letzten syrischen Rebellenhochburg, ist für Erdoğan und die mit ihm verbündeten syrischen Aufständischen nicht mehr zu gewinnen.

Putin hat Erdoğan in der Hand. Der neunjährige Bürgerkrieg in Syrien ist entschieden, die Rückeroberung von Idlib eine Frage von Wochen oder Monaten. Erdoğans Truppen können den Sieg von Syriens Diktator Baschar al-Assad bestenfalls verzögern, um den Preis gefallener türkischer Soldaten. Bringen würde das Opfer wenig. Solange Putin seine Hand über Assad hält und seine Jets Idlib bombardieren, bleibt Erdoğan der Verlierer.

Für den türkischen Staatschef konnte es im Kreml also nur noch darum gehen, auf Zeit zu spielen, das Gesicht zu wahren und größeren innenpolitischen Schaden zu vermeiden. Die türkischen Regierungsmedien mögen den Präsidenten für seine Syrien-Politik loben, aber nun kommen die Särge mit den toten Soldaten in den Städten und Dörfern an; und je mehr Särge es werden, umso entschiedener werden die Menschen diesen Krieg ablehnen. Die Türkei hat in Syrien nichts zu gewinnen gegen die überlegene Militärmacht Russlands.

Auch sonst ist Erdoğan von Putin abhängig. Russland ist der zweitwichtigste Handelspartner der Türkei, Moskau baut für Ankara ein Atomkraftwerk, liefert Getreide, russische Touristen kommen in Millionenzahl. Sollten sich die beiden Staaten nun auch noch einen Wirtschaftskrieg liefern, dürfte Ankara wieder den Kürzeren ziehen. Die türkische Wirtschaft kränkelt so sehr, dass Erdoğan fürchten muss, wegen steigender Inflation und Arbeitslosigkeit weiteren Rückhalt bei seinen Bürgern zu verlieren.

All dies sind Gründe für Putin, Erdoğan zappeln zu lassen. Der Kreml konnte Ankara großzügig eine Waffenruhe in Idlib anbieten und Ankara Zeitaufschub gewähren, aber er kann sein raffiniertes Spiel jederzeit wieder aufnehmen. Putins Ziele in Syrien und im Nahen Osten sind offensichtlich. Assad soll wieder Herrscher über ganz Syrien werden, wo Moskau dann weitere Militärstützpunkte errichten und seine Macht in Nahost ausbauen will. In der Region, aus der die USA sich politisch und militärisch immer weiter zurückziehen, könnte Russland dann mit seiner Ölindustrie punkten; Rohstoffe gibt es dort wirklich genug.

Die Abhängigkeit der Türkei von Russland ist für Putin dabei in jeder Hinsicht nützlich. Er hat dem Nato-Mitglied Türkei ja auch noch das Luftabwehrsystem S-400 geliefert. Für die Nato verkörpert die S-400 das Teufelszeug schlechthin unter den modernen Kriegsgeräten dieser Welt. Das S-400-Geschäft nehmen die USA und die anderen Nato-Partner der Türkei zu Recht übel, denn Erdoğan hat Putin damit ein Instrument gereicht, die Nato zu destabilisieren und die Fundamente des westlichen Militärbündnisses zu untergraben. Moskau lässt keine Gelegenheit dazu aus - womit sich das Treffen vom Donnerstag für Putin wohl gelohnt hat. Bei Erdoğan kann man sich da hingegen nicht so sicher sein.

© SZ vom 06.03.2020

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