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"Mein Leben in Deutschland":Jede Umarmung konnte die letzte sein

Anniversary: Five Years of Conflict in Syria

Ikonisches Monument des syrischen Bürgerkriegs: Senkrecht aufgestellte Busse zum Schutz vor Scharfschützen im Jahr 2015 in Aleppo

(Foto: REUTERS)

Die Ängste, die die Coronakrise auslöst, wecken in unserem Kolumnisten Erinnerungen an seine Jugend im kriegsgeplagten Syrien.

Seit in Berlin das Hamsterkauf-Fieber ausbrach, bin auch ich oft in die Supermärkte geeilt. Als ich die großen Mengen an Brot, haltbarer Milch und Mehl nach Hause trug, schämte ich mich für meine Angst - oder eher für mein Hamstern. Um durch mein Verhalten nicht noch mehr Angst bei anderen Passanten zu verursachen, versteckte ich meine Einkäufe. Als ich aber sah, wie Deutsche sich nahezu um Toilettenpapier schlugen und es in wirklich sehr großen Mengen nach Hause trugen, fühlte ich mich weniger schuldig und fast ein wenig getröstet - auch andere schienen von Ängsten getrieben zu sein.

Nun ist rund ein Monat seit Beginn der Krise vergangen, und meine Ängste, leere Supermarktregale vorzufinden, haben sich verflüchtigt. Langsam bin ich es leid, unser tiefgekühltes und aufgebackenes Brot zu essen. Aber es hilft nichts, die Vorräte für einen Fünf-Personen-Haushalt müssen weg. Wenigstens weiß ich, dass es in Deutschland weiterhin fast alles zu kaufen geben wird.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 46-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Die Coronakrise ist für uns Syrer nicht die erste Krise. Die Erinnerungen ganzer Generationen von Syrern sind krisengeprägt - wobei die "Krisen" eher Kriege und Desaster mannigfaltiger Art waren. Als Deutschland sein Wirtschaftswunder erlebte und sich nach und nach von den Folgen des Zweiten Weltkrieges erholte, taumelte unsere Region von einem Krieg zum anderen, jeweils begleitet von einem Zustand, der dem der Coronakrise ähnelt.

In den 1980-er Jahren, in meiner Kindheit und Jugend, lag ein Schatten über Syrien. Es gab kaum genug zu essen für alle. Einen hochrangigen Beamten konnte man mit einer Packung Taschentücher und einer Schachtel Zigaretten bestechen. Endlos lange Schlangen vor Bäckereien waren vollkommen normal, Taschentücher ein Luxusgut, das sich nur sehr reiche Familien leisten konnten. Bananen, so schien es mir, wuchsen auf dem Mars - anders konnte ich mir nicht erklären, dass alle in den Siebzigern geborenen Syrer ohne sie aufwuchsen.

Anfang der 1990-er schien alles ein wenig besser zu werden. Bis Saddam Hussein im Januar 1991 39 Bomben gen Israel sandte. Ich weiß noch genau, wie mein Vater mich um fünf Uhr in der Früh mit den Worten "wach auf, komm mit mir, Saddam hat Israel angegriffen!" weckte. Ich war verwundert und fragte, wohin er denn nun gehen würde - in den Krieg? "Nein!", antwortete er, "wir müssen Brot kaufen, es ist sicher, dass Krieg kommt!" Nach vielen Stunden kamen wir endlich mit viel Brot zurück nach Hause, und so musste ich schon damals, wie auch heute, wochenlang aufgebackenes Brot essen. Wobei es heute besser schmeckt, da wir es eingefroren haben - eine Errungenschaft der Technik, die uns unser kaputter Kühlschrank damals nicht ermöglichte.

Die Syrische Revolution, die 2011 begann, brachte Umstände mit sich, die wir uns nicht hatten vorstellen können. Hunderte, wenn nicht Tausende starben wegen der Abriegelung der von Rebellen gehaltenen Gebiete durch das Regime, andere litten und starben an Mangel- und Unterernährung. Dort, wo sie festsaßen, fanden sie nichts zu essen außer Gras und grünen Blättern.

Normalzustand Ausgangssperre

Die Ausgangssperre, wie einige europäische Länder sie derzeit erleben, war für uns Syrer in den Jahren des immer noch wütenden Krieges der Normalzustand. Wer die Ausgangssperre nicht beachtete, wurde nicht von einem gefährlichen Virus, sondern von den vielgefürchteten Scharfschützen niedergestreckt. Auch die Bewegung zwischen den Städten war ein hochgefährliches Abenteuer, das jederzeit durch Mord oder Entführung beendet werden konnte.

Und wer nach Einbruch der Dunkelheit noch unterwegs war, ging oft einfach verloren, durch willkürliche Erschießungen, Entführungen oder Inhaftierungen. Es reichte, die falschen Nachrichten von den falschen - nicht regimetreuen - Menschen auf seinem Handy zu haben. Tausende starben in Explosionen, weil sie die Ausgangssperre nicht beachten konnten oder wollten, etwa weil sie Wasser oder Brot suchten. Dutzende Städte waren monatelang ohne Wasser, ohne Strom, ohne Nahrungsversorgung.

Die größte Angst aber war, jemanden zu "verlieren", einfach keine Nachricht mehr von ihm oder ihr zu bekommen. Es war allen Hinterbliebenen klar, dass man diese geliebte Person aller Wahrscheinlichkeit nach nie mehr wiedersehen würde. Die ganze Zeit über befürchtete ich, enge Freunde oder Familienmitglieder zu verlieren, so dass unsere Umarmungen zum Abschied immer intensiver wurden. Jedesmal konnte das letzte Mal sein!

Diese Angst kommt in mir jetzt, in Zeiten der Coronakrise, immer wieder hoch. Es ist eine schrecklich starke Angst.

Es schmerzt mich, Ärzte und Pflegepersonal an Covid-19 erkrankt zu sehen. Sie erinnern mich an die Situation in den syrischen Krankenhäusern, die seit 2011 ständig überfüllt mit Verletzten waren. Die Bilder, die uns aus Italien oder den USA erreichen, erinnern mich daran, wie viele Verletzte nach russischen Angriffen oder Attacken des Regimes sterben mussten, da die Ärzte ganz nach dem auch heute wieder angewandten Prinzip der Triage über Leben und Tod zu entscheiden hatten.

Die Krise lässt uns als Gemeinschaft stärker werden

In Syrien bot sich das gleiche Bild wie jetzt in manchen reichen Ländern der westlichen Welt: zu wenig Medikamente, zu wenig Schutzausrüstung für die Mediziner und Pfleger, zu wenig Beatmungsgeräte. Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger, die die Schlacht überlebt haben, wissen, was es heißt, Kollegen zu verlieren.

Und jetzt? Ist Syrien nicht weit von einer Coronakrise entfernt. Dutzende Infizierte sind gemeldet. Zusätzlich zu Cholera, Typhus und Kinderlähmung, die sich aufgrund der vielerorts katastrophalen hygienischen Bedingungen schrecklicherweise wieder in Syrien ausbreiten, gibt es nun auch dort das Coronavirus mit all seinen unvorhersehbaren Entwicklungen.

Als Syrer weiß ich, was Angst, Hunger und Ausgangssperre bedeuten. Ich erinnere mich noch gut daran, wie die Städte voreinander abgesperrt wurden, wie wir unsere Familienmitglieder, Freunde und Bekannte nicht mehr sehen konnten. Meine Erinnerungen an vermisste oder gestorbene Freunde schmerzen noch, und um nichts in der Welt möchte ich liebgewonnene Menschen aus meinem deutschen Freundeskreis verlieren. Ich teile alle Gefühle der Solidarität, der Sorge, der Angst mit meinen Freunden und Nachbarn, und irgendwie scheint es mir, dass diese Krise uns als Gemeinschaft stärker werden lässt, und dass meine Gefühle, hierher zu gehören, größer und wahrhaftiger werden.

Übersetzung: Jasna Zajcek

© SZ.de/kit
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Selbst wenn der IS demnächst besiegt wäre, würden die wenigsten geflohenen Syrer sofort ihre Koffer packen. Denn in der Heimat erwartet sie das Grauen des Assad-Regimes.

Kolumne von Yahya Alaous

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