Bürgerkrieg:Assad erobert die letzten Orte im Nordwesten Syriens

Bürgerkrieg: Retten, was zu retten ist: Hunderttausende Syrer fliehen Richtung Norden

Retten, was zu retten ist: Hunderttausende Syrer fliehen Richtung Norden

(Foto: Ghaith Alsayed/AP)
  • Machthaber Assad hat eine Offensive begonnen, um die letzten Orte im Nordwesten Syriens zurück zu erobern.
  • Hunderttausende Menschen sind deswegen auf der Flucht.
  • Anfang Januar hatte die Türkei mit Assads Verbündeten Russland noch eine Waffenruhe ausgehandelt - nun scheint man in Moskau und Damaskus auf eine militärische Lösung zu setzen.

Von Moritz Baumstieger

Die Staus in Richtung Norden sind kilometerlang, Autos, Kleinlaster, dazwischen Traktoren mit Anhängern. Die meisten Fahrzeuge sind bepackt mit dem, was sich schnell zusammenraffen ließ - und mit dem, was in den kommenden Tagen nützlich werden dürfte: Matratzen, Sofas, Matten und Plastikplanen. Die Bewohner des südlichen Teils der syrischen Rebellenprovinz Idlib, deren Flucht auf vielen Bildern und Videos festgehalten ist, werden von nun an unter freiem Himmel oder in provisorischen Zelten schlafen müssen. Vergangene Woche hat die Armee des syrischen Machthabers Baschar al-Assad eine neue Bodenoffensive gestartet und nun nach anfänglichen Rückschlägen im Osten der Provinz mehr als ein Dutzend Orte erobert. Und die Gegenden, in die Assads Truppen als nächstes einrücken wollen, sind einem Dauerbombardement durch russische und syrische Jets ausgesetzt.

Seit Wochen fliehen Bewohner in der Region Idlib vor den Kämpfen, bislang gingen die UN von 350 000 Menschen aus, die seit Dezember ihre Häuser verlassen haben. Mit dem Anfang dieser Woche jedoch verschlechterte sich die Lage dramatisch: Mehr als 60 000 weitere Menschen sollen alleine in den vergangenen zwei Tagen aus den Orten Ariha und Saraqib geflohen sein, die von der syrischen Armee eingekreiste ehemalige 100 000-Einwohner-Stadt Maarat an-Numan sei bereits menschenleer und bestehe nur noch aus Trümmern, wie Aktivisten der Opposition der SZ am Telefon berichten.

Viele der Menschen müssen bereits zum zweiten oder dritten Mal ihre Wohnung aufgeben, im Laufe des bald neun Jahre andauernden Kriegs sind wiederholt Menschen aus anderen Landesteilen nach Idlib gebracht worden, wenn belagerte Oppositionshochburgen wie Ost-Aleppo oder Ghouta kapituliert hatten. So verdoppelte sich die Einwohnerzahl der von Olivenhainen geprägten Gegend auf nun über drei Millionen - die sich nun auf einem immer kleiner werdenden Gebiet drängen: Im Westen, Süden und Osten sind die Rebellengebiete von der Armee umstellt, im Norden hat die Türkei ihre Grenze schon vor Jahren mit einer Mauer abgeriegelt, entlang der Hunderttausende in Zelten leben. Die Lager sind überfüllt, können die nun aus dem Süden Idlibs flüchtenden Menschen nicht mehr aufnehmen. Mitarbeiter der wenigen in der Region noch aktiven Hilfsorganisationen geben an, den Überblick über die aktuelle Entwicklung zu verlieren.

Machthaber Assad hat betont, jeden Zentimeter syrischen Bodens zurückerobern zu wollen. Ein Zwischenziel dürfte sein, die Autobahn M 5 unter Kontrolle zu bringen, die einst den Süden des Landes mit Aleppo verband. Abschnitte hat die Armee bereits gesichert, nun stößt sie entlang der schwer beschädigten Straße vor. Kommandeure der Aufständischen - unter ihnen sind Reste der säkularen Freien Syrischen Armee, aber auch militärisch stärkere dschihadistische Gruppen - haben Berichten zufolge von der Türkei mitgeteilt bekommen, dass Ankara sich nicht mehr in der Lage sieht, den Konflikt auf diplomatischem Wege aufzuhalten. Anfang Januar hatte die Türkei mit Assads Verbündeten Russland noch eine Waffenruhe ausgehandelt - nun scheint man in Moskau und Damaskus entschlossen zu sein, die Sache auf militärischem Wege zu Ende bringen zu wollen.

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