Syrien-Konflikt Erdogan schrumpft den Spielraum der Nato

Die Nato hat sich an die Seite der Türkei gestellt und eine deutliche Warnung an den Diktator in Damaskus formuliert. Der türkische Premier Erdogan aber spielt mit seinen Äußerungen jenen in die Hände, die den Westen in einen Krieg treiben wollen. Doch die Allianz darf die militärische Provokation Syriens nicht militärisch beantworten.

Ein Kommentar von Martin Winter

Es ist gewiss auch ein Stück Eigennutz dabei, wenn die Nato im Konflikt zwischen der Türkei und Syrien auf Entspannung setzt. Nach Afghanistan und Libyen hat die Allianz vorerst keine Lust auf weitere Abenteuer. Abgesehen davon will sie aber auch aus strategischen Gründen um fast jeden Preis vermeiden, dass der Mittlere Osten in Flammen aufgeht.

Ja, Syrien hat mit dem Abschuss eines türkischen Kampfflugzeugs internationale Regeln gebrochen. Und ja, es hat in nicht akzeptabler Weise gegen das übliche Verhalten zwischen Nationen verstoßen, die sich nicht im Krieg miteinander befinden. Und dennoch darf diese militärische Provokation nicht militärisch beantwortet werden. Die Folgen wären unkalkulierbar. Für die Türkei nicht weniger als für die Nato.

Vernünftigerweise hat sich die Allianz deswegen für eine Gratwanderung entschieden - irgendwo zwischen Drohung und Beruhigung. Sie verzichtet erst einmal auf Maßnahmen gegen Damaskus, verbindet das aber mit der unmissverständlichen Ankündigung, dass man Syrien von jetzt an sehr genau im Auge behalten werde. Deutlicher kann man eine Warnung nicht formulieren. Zusammen mit der Versicherung der Bündnissolidarität an die Türkei ergibt das für Syriens Herrscher Baschar al-Assad und sein Militär die klare Botschaft: Ihr legt euch mit der Nato an, wenn ihr noch einmal auf türkisches Gebiet schießt oder türkische Flugzeuge angreift.

Syrien darf nicht auf Hilfe aus Russland oder Iran rechnen

Es spricht einiges dafür, dass dieses Signal reicht, um die Lage zu entspannen. Die türkische Regierung hat mit der Solidaritätserklärung der Nato jene politische Rückendeckung bekommen, die sie braucht, um ihre bislang insgesamt besonnene Linie beibehalten zu können. Und das syrische Regime, das im Inneren militärisch um sein Überleben kämpft, kann an einem Krieg nach außen schon aus zwei Gründen nicht interessiert sein: Zum einen könnte es kaum die eigene Nation hinter sich scharen, sondern würde lediglich das eigene Ende beschleunigen. Zum anderen darf es nicht auf die Hilfe seiner Freunde in Teheran und Moskau rechnen. Die fürchten die Folgen eines militärischen Zusammenstoßes zwischen Syrien und der Türkei für den Mittleren Osten nicht weniger, als die Europäer, die Nato und die USA.

Ob die Kalkulation der Besonnenen am Ende auch wirklich aufgeht, ist freilich weniger sicher, als manche im Hauptquartier der Nato hoffen. Verliert Assad die Kontrolle über sein Militär, wofür die zunehmende Desertion hoher Offiziere spricht, dann sind gezielte, militärische Provokationen nicht auszuschließen. Dann wird die Nato ihr Versprechen der Türkei gegenüber einlösen müssen, dass die "Sicherheit der Allianz unteilbar ist". Hier liegt das Risiko.

Nachdem der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan nur wenige Minuten nach der Solidaritätsbekundung der Nato angekündigt hat, bei einem weiteren Zwischenfall mit Gewalt zu antworten, ist der Spielraum für die Nato arg geschrumpft. Künftige Provokationen wird sie möglicherweise militärisch beantworten müssen. Erdogan spielt damit jenen in die Hände, die aus welchen Gründen auch immer den Westen militärisch in den syrischen Konflikt verwickeln wollen. Wie schnell ist in der unruhigen Grenzregion wieder ein Flugzeug beschossen oder ein Grenzposten angegriffen. Es gibt viele Gelegenheiten für Provokateure.

Die Nato wird darum nicht nur Syrien in den Blick nehmen müssen, sondern auch Ankara. Provokationen kann man schließlich auch verhindern, indem man keinen Anlass für sie bietet. So gibt es etwa keinen vernünftigen Grund, an der Grenze zu einem von Gewalt geschüttelten Land Übungsflüge zu absolvieren. Solidarität ist eine Sache auf Gegenseitigkeit. Die Nato hat sich an die Seite der Türkei gestellt. Dafür muss Ankara nun alles vermeiden, was geeignet ist, den Konflikt mit Syrien eskalieren zu lassen.