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Syrien:IS-Erfolg in Palmyra zeigt Assads Schwäche

  • Mit der Einnahme Palmyras durch die Terrormiliz IS wäre die Serie militärischer Erfolge des Assad-Regimes endgültig gerissen.
  • Sollten die Dschihadisten ihre Herrschaft konsolidieren, dürften die zum Unesco-Welterbe zählenden Ruinen wieder in Gefahr sein.
  • Während Moskau seinem Verbündeten Assad dabei hilft, in Aleppo Fakten zu schaffen, verhandelte es in Genf mit US-Vertretern über die Zukunft der Stadt.

Die Schlacht um die antiken Ruinen von Palmyra und die angrenzende Stadt Tadmor wogt hin und her. Sonntagmorgen noch verkündete das mit Syriens Machthaber Baschar al-Assad verbündete Russland, seine Kampfjets hätten mit 64 Luftschlägen mehr als 300 Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat getötet und dabei Panzer, Fahrzeuge und Artillerie der Extremisten zerstört. Der Angriff der Dschihadisten sei damit zurückgeschlagen. Nur wenige Stunden später, am Sonntagmittag, hatte sich die Lage schon wieder gewendet: In einem weiteren Angriff gelang es der Terrormiliz, die Stadt einzunehmen. Sie kontrolliere auch das gesamte Gelände der Altertümer, so Rami Abdel Rahman, Leiter der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die von Großbritannien aus den Konflikt in Syrien mit einem Netz von Zuträgern beobachtet. Soldaten der syrischen Armee seien geflohen, berichteten andere Aktivisten.

Sollten die Dschihadisten ihre Herrschaft über die 250 Kilometer nordöstlich von Damaskus gelegene Oasenstadt konsolidieren, dürften zum einen die zum Unesco-Welterbe zählenden Ruinen wieder in Gefahr sein. Nachdem der IS die Stadt im Mai 2015 schon einmal erobert hatte, sprengte er zu Propagandazwecken mehrere Monumente. Vor allem aber wäre durch den Verlust Palmyras und der umliegenden Öl- und Gasfelder die Serie militärischer Erfolge des Assad-Regimes endgültig gerissen und das von ihr propagierte Narrativ der Stärke beschädigt: Noch im Mai hatten die Verbündeten Russland und Syrien die Vertreibung des IS aus der Stadt pompös gefeiert und sich als einzig effektive Koalition gegen den IS inszeniert. Fortan beherrschte das Regime die Stadt und einen schmalen Korridor entlang der Verbindungsstraße nach Damaskus, der wie ein Finger in das IS-Gebiet hineinreichte. Mitte der Woche berichteten Beobachter, dass die russische Armee schweres Gerät aus der Stadt abziehe - nur wenige Stunden später begann der IS seine Offensive.

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Die Extremisten hatten die syrische Stadt am Samstag gestürmt und waren kurzzeitig von russischen Luftangriffen vertrieben worden. Jetzt haben sie den Ort offenbar vollständig unter Kontrolle.

Assads Kräfte sind schwach

Dass die syrische Armee alleine nicht in der Lage war, die Stadt zu halten, zeigt, wie schwach Assads Kräfte tatsächlich aufgestellt sind: Die erfolgreiche Offensive in Aleppo, obschon sie zu großen Teilen von verbündeten schiitischen Milizen aus Iran, Libanon, Afghanistan und dem Irak ausgefochten wird, kostet Kraft und Material - zu viel, um die Fronten auch in allen anderen Gebieten unter Regierungskontrolle stabil zu halten.

Ihre einseitig erklärte Waffenruhe für Aleppo hatten Russland und das Assad-Regime aber nicht mit den Entwicklungen in Palmyra begründet, sondern damit, Zivilisten die Gelegenheit zur Flucht zu geben. In der nordsyrischen Bürgerkriegsstadt gingen die Kämpfe am Wochenende jedoch unvermindert weiter. Vermutlich russische Kampfflugzeuge haben nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte die verbleibenden Gebiete unter Rebellenkontrolle massiv bombardiert, Hubschrauber des syrischen Regimes hätten zudem die gefürchteten Fassbomben über den Vierteln in Ost-Aleppo abgeworfen.

Berichte über Tote und Verletzte gibt es bisher nicht, was auch daran liegt, dass die medizinische Versorgung und die Katastrophenrettung nach Angriffen inzwischen vollkommen zusammengebrochen ist. Nach russischen Angaben kontrolliert die Regierung mittlerweile fast 93 Prozent der vier Jahre lang von Aufständischen gehaltenen Stadtteile, selbst Rebellenvertreter sprechen davon, "nur noch ein kleines Gebiet" zu kontrollieren.

US-Außenminister John Kerry forderte Gnade

Während Moskau seinem Verbündeten Assad dabei hilft, in Aleppo Fakten zu schaffen, verhandelte es in Genf gleichzeitig mit Vertretern der USA über die Zukunft der Stadt und eine mögliche Wiederaufnahme von Verhandlungen zu einer Friedenslösung. US-Außenminister John Kerry forderte Russland und Syrien auf, angesichts ihrer Übermacht "Gnade" walten zu lassen. Zuvor hatte er sich in Anbetracht der bisher stets ergebnislosen Gesprächsrunden fatalistisch gezeigt: "Ich weiß, dass die Menschen diese Treffen leid sind. Mir geht es auch so", sagte Kerry am Wochenende vor Mitarbeitern der US-Botschaft in Paris. "Aber was soll ich tun? Heimgehen und ein nettes Wochenende in Massachusetts verbringen, während Menschen sterben?"

Während seine Mitarbeiter in Genf mit Russland verhandelten, nahm Kerry in Paris an einem Treffen der "Freunde Syriens" teil, einer Gruppe westlicher und arabischer Staaten, die die Opposition unterstützen. Kerry kündigte an, dass die USA 300 weitere Spezialisten entsenden werden, um die kurdisch geprägten Syrischen Demokratischen Kräfte bei ihrem Vormarsch auf Raqqa zu unterstützen. Die EU will unterdessen weitere Sanktionen gegen verantwortliche Personen und Organisationen verhängen, die das Assad-Regime unterstützen. Verantwortliche für Verbrechen gegen die Menschlichkeit und mögliche Kriegsverbrechen müssten zur Rechenschaft gezogen werden, so die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini.

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