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"Mein Leben in Deutschland":Auf der Brücke von Görlitz

Eine Grenze, die verbindet: die einem zusammenwachsenden Europa gewidmete Altstadtbrücke über die Neiße zwischen Görlitz und der polnischen Schwesterstadt Zgorzelec.

(Foto: imago stock&people)

Für Deutsche mag es selbstverständlich sein, Grenzen zu überschreiten und in andere Länder zu reisen. Für unseren Kolumnisten Yahya Alaous, Flüchtling aus Syrien, ist das anders.

Kolumne von Yahya Alaous

Bevor ich nach Deutschland kam, hatte ich nicht viele Grenzen zwischen Ländern überschritten - weil ich in meinem Land lange Zeit daran gehindert wurde, einen Pass zu bekommen, so wie viele andere Syrer, die die staatliche Politik kritisiert hatten. Die paar Male, die ich das Land verlassen durfte, durchlebte ich sehr schlechte Erfahrungen.

Ich muss zugeben, dass das Überqueren der Grenzen in der Europäischen Union immer noch eines der Erlebnisse ist, die mich erstaunen, obwohl seit meiner Ankunft in Europa fünf Jahre vergangen sind. Vor ein paar Wochen besuchte ich die Stadt Görlitz, die wundervolle Stadt, die eine sein will, aber in zwei Ländern liegt. Der deutsche Name Görlitz ist bekannt und berühmt, der polnische Teil der "Europastadt" heißt Zgorzelec.

Eine Brücke über die Neiße trennt die Stadtteile, nur in der Mitte der Brücke ist eine imaginäre Linie als Landesgrenze. Wenn Sie diese Linie erreichen, bedeutet dies, dass Sie von Deutschland nach Polen oder umgekehrt gegangen sind. Als ich diesen Punkt erreichte, sah ich Menschen beim Überqueren der Brücke, ohne zu glauben, dass sie von einem Land in ein anderes Land gezogen sind, ungeachtet dessen, dass beide verschiedene Sprachen, unterschiedliche Nationalitäten und unterschiedliche Religionen haben. Na gut, christlich sind Deutschland und Polen beide, allerdings sind die katholischen Polen deutlich strenger in der Auslegung ihres Glaubens als ihre überwiegend protestantischen Nachbarn.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 46-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Für mich und meine Familie war der Grenzübertritt etwas Besonderes, da wir die Gelegenheit, diesem Moment ein wenig Wertschätzung oder eine Art von Feierlichkeit zu verleihen, nicht verpassen wollten. Wir hielten an der imaginären Linie an und begannen, Plätze zu tauschen, einmal auf deutscher Seite stehend, einmal auf die polnische hüpfend. Ein Schritt nur, und wir waren in einem anderen Land.

Ich weiß nicht, ob das Ihnen als Bürger der Europäischen Union etwas bedeutet? Sie haben das Recht, sich ohne Einschränkungen durch die meisten europäischen Länder zu bewegen. Für mich aber, aufgewachsen in Ländern, in denen über Slogans der arabischen Einheit mehr gesprochen wird als über die Würde und Ernährungssicherheit der Bürger, war dieser Grenzübertritt eine außergewöhnliche Erfahrung.

Vielleicht sind es die gleichen Gefühle, die ich mit den im ostdeutschen Staat lebenden Deutschen geteilt habe, weil sie nicht in der Lage waren, auf die Westseite zu ziehen. Ich fühle mehr mit den "Ossis" als mit den "Wessis", denn die hatten die Möglichkeit, in den östlichen Teil und wieder zurück zu reisen.

Jedes Mal, wenn die Leute aus meinem Land Syrien in ein anderes Land reisten, gab es lange Schlangen von Menschen, die an den Häfen oder Grenzübergängen standen, um ein Ausreisevisum zu erhalten. Ich erinnere mich an meine jüngsten Erfahrungen, als ich Syrien vor fünf Jahren in den Libanon verließ. Ich erinnere mich an die Misshandlungen, die ich erleiden musste, um die Genehmigung für die Einreise in die libanesischen Gebiete zu erhalten. Ich hatte die ganze Zeit Angst und erwartete jeden Moment, dass jemand herauskommen und mich bitten würde, an meinen Herkunftsort (Damaskus, im Krieg) zurückzukehren.

Glücklicherweise geschah dies nicht, und ich konnte das Land zum ersten Mal nach 15 Jahren verlassen, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass ich tatsächlich die Grenzen überschritt. Das war erst der Fall, als die syrischen Autos vollständig von den Straßen verschwanden und durch libanesische ersetzt wurden. Leider ließ ich an diesem Tag Hunderte von Syrern zurück, die an der Grenze gestrandet waren und nicht wussten, ob sie die Grenze überqueren würden oder nicht.

Das Leiden der Syrer beschränkt sich nicht nur auf schlechte Behandlung durch die Behörden, sorgfältige Inspektion und die Gefahr, dass ihnen die Einreise in andere Länder verweigert wird. Vielmehr stellt ihr eigenes Land eine Gefahr für sie dar. Syrer können heutzutage erst in ihr Land zurückkehren, wenn sie eine "Einreisegebühr" in Höhe von 50 US-Dollar bezahlt haben. Hunderte von Syrern, die kein Geld mehr haben, sitzen an der Grenze fest und schlafen im Freien. Die Behörden sagen nur: Sie müssen bezahlen!

Als ich vor zwei Jahren Genf besuchte, traf ich französische Damen, die jeden Tag aus Frankreich in die Schweiz kamen, um zu arbeiten und abends zurückzukehren. Als reisten sie einfach aus einem anderen Stadtviertel an, nicht aber aus einem anderen Land. In Görlitz ziehen Hunderte Pendler täglich über die Fußgängerbrücke, sie überqueren jeden Tag die Grenze, um in Deutschland zu arbeiten. Sicherlich haben sie den Eindruck, in einem anderen Land tätig zu sein, längst verloren. Ich stellte mir vor, dass die Behörden ihres Landes beschließen würden, ihnen 50 Euro aufzuerlegen, nur um täglich zum Abendessen zur Familie in ihr Land zurückzukehren.

Auf der schönen Brücke von Görlitz gibt es keine Polizei oder Grenzschutzbeamten, und trotzdem genießt Görlitz auf beiden Seiten viel Sicherheit und Frieden, man kann es sehen auf dieser Brücke. Einige Liebende - vielleicht deutsch-polnische Paare? - haben Schlösser auf der Mitte der Brücke, der Landesgrenze, befestigt. Geht man von Polen nach Deutschland zurück, sieht man ein Graffito: "I love Görlitz". Diese schönen, in knallrosa Farbe geschriebenen Wörter wirken mächtiger als jeder politische Slogan.

Übersetzung: Jasna Zajček

© SZ.de/kit/ghe
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