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Syrien:Gefangen im Trümmerfeld

Seit Ende 2012 werden die Bewohner des Flüchtlingslagers Jarmuk vom syrischen Regime eingekesselt. Dann marschierten auch noch Dschihadisten dort ein.

(Foto: AFP)

Im Flüchtlingslager Jarmuk bei Damaskus sind die Kämpfe abgeflaut, doch an der katastrophalen Lage der Menschen hat sich nichts geändert.

Mohammed ist der Hölle entronnen, auch wenn er noch nicht versteht, was mit ihm geschieht. Er ist erst vor sechs Wochen geboren worden - in Jarmuk, dem palästinensischen Flüchtlingslager im Süden der syrischen Hauptstadt Damaskus. Seine Mutter hat es geschafft, sich nach al-Tadamon durchzuschlagen, das nordöstlich an Jarmuk angrenzende Viertel. Nach den Strapazen der vergangenen Tage und Wochen hat sie schon wieder ein Lächeln im Gesicht. Die Menschen sind dankbar, noch am Leben zu sein, dankbar für einen Karton mit Gütern des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA), das ein Bild von Mohammed und seiner Mutter verbreitet hat. Zumindest haben sie jetzt etwas zu Essen, sauberes Wasser, eine Matratze, Kleidung für den Säugling.

Die Kämpfe in Jarmuk sind am Wochenende abgeflaut, das berichten Aktivisten übereinstimmend. Es sei wieder relativ ruhig, schrieben sie am Samstagabend, auch das Bombardement durch das Regime habe nachgelassen. Internetchats sind momentan oft die einzige Verbindung zu den Eingeschlossenen, und auch sie brechen immer wieder ab. Die Dschihadisten des Islamischen Staates sind demnach vorerst abgezogen und nach Süden in den angrenzenden Stadtteil al-Hadschar al-Aswad zurückgekehrt, aus dem sie nach Jarmuk vorgestoßen waren. Kämpfer der mit al-Qaida verbundenen Nusra-Front hätten ihre Stellungen übernommen, hieß es. Unabhängig überprüfen lässt sich das alles nicht, doch Aktivisten der wenigen noch aktiven zivilgesellschaftlichen Organisationen in Jarmuk sind noch die beste und glaubwürdigste Quelle in dieser Situation.

Die militärische Lage mag verworren sein, aber eins ist klar: An der katastrophalen Lage der Menschen dort hat sich nichts geändert. Nur etwa 2000 der 18 000 noch verbliebenen Bewohner haben das weithin in Trümmern liegende Lager verlassen können, seit am 1. April die Dschihadisten einmarschierten und es zu schweren Gefechten mit palästinensischen Milizen und Kämpfern der gemäßigten Freien Syrischen Armee gekommen war. Das Regime von Baschar al-Assad hält den Belagerungsring um den etwa zwei Quadratkilometer großen Stadtteil weiter geschlossen, an den südlichen Ausgängen haben sich die Dschihadisten postiert. Seit Ende 2012 haben Regierungstruppen und mit dem Regime verbündete Palästinenser das Lager eingekesselt und von der Versorgung abgeschnitten. Nach dem Einmarsch der Schergen des Islamischen Staates war es fast unmöglich geworden, noch Hilfsgüter nach Jarmuk zu schmuggeln. Die Menschen dort sind weiter vom Tod durch Verhungern oder Verdursten bedroht.

Tagelang hatten sie sich nicht aus ihren Verstecken gewagt, überall hatten sich Scharfschützen verschanzt und auf alles geschossen, was sich bewegte. Nun trauen sich die ersten offenbar wieder auf die Straßen, versuchen an Lebensmittel und Wasser zu kommen. Die Leitungen hat das Regime ebenso abgedreht wie den Strom. Viele von ihnen haben Angst, das Lager zu verlassen; sie werden sowohl vom Assad-Regime verfolgt als auch von den Dschihadisten. Für sie gibt es keinen sicheren Ort, an den sie fliehen könnten.

UNRWA-Generalkommissar Pierre Krähenbühl reiste am Samstag nach Damaskus, um mit der Regierung über besseren Zugang und die Lieferung von Hilfsgütern zu verhandeln. Er sollte auch den stellvertretenden UN-Sondergesandten für Syrien treffen, Ramzi Ezzedine Ramzi, der bereits am Freitag in Syrien eingetroffen war. Krähenbühls Sprecher teilte mit, die beiden wollten auch über den "Umgang mit nichtstaatlichen Akteuren" beraten, um Zugang für humanitäre Hilfe zu ermöglichen - ein Hinweis, dass die UN auch bereit sein könnten, mit Milizen in Jarmuk oder indirekt sogar Vertretern der Nusra-Front oder des IS zu sprechen, um den Belagerten zu helfen.

Ramzi sagte nach einem Gespräch mit dem syrischen Vizeaußenminister Faisal Mekdad, dieser habe den UN "Kooperation bei allen Angelegenheiten zugesagt, die helfen würden, die Situation in Jarmuk zu verbessern". Von einem Ende der Blockade war jedoch keine Rede. Das Regime hatte vielmehr "eine militärische Lösung" ins Spiel gebracht. Es könnte so nach zweieinhalb Jahren das Lager noch erobern und die renitenten palästinensischen Kämpfer und ihre Verbündeten von der Freien Syrischen Armee vertreiben, die Operation aber als Kampf gegen die Terroristen des Islamischen Staats kaschieren. Die Palästinensische Befreiungsorganisation lehnte jedenfalls eine Kooperation mit dem Assad-Regime ab: Sie wolle sich nicht in den Krieg ziehen lassen.