Syrien Fenster der Gelegenheit

Das Auswärtige Amt will künftig einen Schwerpunkt auf Soforthilfe in den Rebellengebieten im Raum Aleppo legen. Humanitäre Hilfe für Syrien war in der Vergangenheit immer wieder Gegenstand kontroverser internationaler Debatten.

Von Moritz Baumstieger

Deutschland unterstützt die Versorgung und Unterbringung von Kriegswaisen aus Aleppo in von Rebellen gehaltenen Gebieten in Nordsyrien. "Auch wenn der Waffenstillstand nicht überall eingehalten wird: Das Schweigen der Waffen öffnet ein Fenster der Gelegenheiten, den Menschen die so dringend benötigte humanitäre Hilfe zukommen zu lassen", sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier der Süddeutschen Zeitung. Diese Chance dürfen wir nicht verstreichen lassen."

Bis Anfang Dezember wurden 300 Kinder tagsüber in einem Kinderzentrum in den Rebellenvierteln von Ost-Aleppo betreut, unter ihnen auch 70 Kriegswaisen. In der Betreuungseinrichtung sollten sie zumindest zeitweise den Kriegsalltag vergessen können. Eine Unterstützung der Einrichtung war zu dieser Zeit kaum möglich, ein Belagerungsring der syrischen Armee verhinderte jegliche humanitäre Hilfe. Als nach der Kapitulation der Rebellen Ende Dezember Ost-Aleppo evakuiert wurde, wurden auch die in dem Kinderzentrum versorgten Kriegsweisen in die von Rebellen kontrollierte Region Idlib nahe der türkisch-syrischen Grenze ausgefahren. Dort sind die 70 Kinder nun in provisorischen Unterkünften und bei Familien untergebracht, wo sie von der ehemaligen Leiterin des Kinderzentrums und zehn Fachkräften betreut werden. Damit sie langfristig etwas Stabilität und Sicherheit finden, soll nun eine neue Einrichtung entstehen, in der auch psychosoziale Behandlung zur Überwindung etwaiger Kriegstraumata bereitsteht. Das Auswärtige Amt unterstützt dieses Vorhaben, das mit den Hilfsorganisationen Islamic Relief e.V. und dem Deutsch-Syrischen Verein umgesetzt werden soll, mit 500 000 Euro. Deutschland zählt seit Beginn des Bürgerkrieges zu einem der größten Geberländer für Syrien, "seit 2012 beläuft sich die Unterstützung der Bundesregierung auf etwa 2,79 Milliarden Euro, davon 1,32 Milliarden Euro für humanitäre Hilfe", so ein Sprecher.

Humanitäre Hilfe für Syrien war in der Vergangenheit immer wieder Gegenstand kontroverser internationaler Debatten - den UN wurde von mehreren Hilfsorganisationen vorgeworfen, sich zu sehr vom Regime des Machthabers Baschar al-Assad lenken und vereinnahmen zu lassen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen Recherchen der britischen Zeitung Guardian. Die starken Restriktionen seitens des Regimes für Hilfsorganisationen haben nach Analysen des Guardian und nach Angaben von Aktivisten zur Folge gehabt, dass Rebellengebiete leer ausgingen, während die Gegenden unter Kontrolle des Regimes versorgt wurden.

Das Auswärtige Amt will in diesem Jahr unter anderem einen Schwerpunkt auf Hilfe in den Rebellengebieten im Raum Aleppo und der Provinz Idlib legen. Dorthin sind viele Menschen aus der lange umkämpften Stadt geflohen, sodass sich die humanitäre Lage deutlich verschärft hat. Sie "ist an ganz vielen Orten bedrückend", so Steinmeier.

Als die Krise in Ost-Aleppo im Dezember ihren Höhepunkt erreichte, hatte das Auswärtige Amt bereits fünf Millionen Euro für Soforthilfe zur Verfügung gestellt. Mit diesem Geld sollte den von der Evakuierung betroffenen Menschen geholfen werden. Ein Großteil der Mittel wurde dem Türkischen Roten Halbmond zur Verfügung gestellt, der so 5000 Zelte kaufen konnte. Darüber hinaus hat Außenminister Steinmeier im Dezember 50 Millionen Euro für die weitere Versorgung geflüchteter Zivilisten zugesagt, die in weiten teilen für die Versorgung der Menschen mit Nahrungsmitteln verwendet werden sollen.

"Bis irgendwann eine Friedenslösung für Syrien gefunden ist, in Astana, Genf oder anderswo, wird noch Zeit vergehen", so Steinmeier. "Bis dahin brauchen die Flüchtlinge in Syrien und in der Region unsere Unterstützung." Weil in belagerten Gebieten aber nach wie vor keine oder nur sehr begrenzte Hilfe möglich ist, setzt sich Deutschland weiter für humanitären Zugang ein.