Flüchtlinge aus Syrien "15 Tage Hölle sind das Risiko wert"

Einreiseversuch: Syrer halten vor der deutschen Botschaft in Beirut ihre Pässe bereit. Die wenigsten hoffen, in ihr Land zurückkehren zu können.

(Foto: Joseph Eid/AFP)
  • Flüchtlingen innerhalb Syriens oder seinen Nachbarländern geht es schlechter als je zuvor. Viele sehen keine Zukunft mehr für ein erträgliches Leben in ihrer Heimat.
  • Zum Beispiel musste das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen in Jordanien die Hilfe für 230 000 Syrer komplett einstellen.
  • Viele machen sich jetzt deshalb gleich auf den Weg nach Europa.
Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Zuerst war es eine Information, die unter Flüchtlingshelfern und Syrien-Aktivisten zirkulierte, eine interne Anweisung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf). In den frühen Morgenstunden des 15. August bestätigte die Behörde dann per Twitter: "#Dublin-Verfahren syrischer Staatsangehöriger werden zum gegenwärtigen Zeitpunkt von uns weitestgehend faktisch nicht weiter verfolgt." Es war die erlösende Nachricht für viele - und der Beginn eines Marsches von Tausenden Syrern Richtung Deutschland, die zu diesem Zeitpunkt am Bahnhof Budapest Keleti festsaßen. Der Tweet bedeutet nichts anderes, als dass sie in Deutschland bleiben dürfen, dass sie nicht wie bisher zurückgeschickt werden in jenes Land, in dem sie zuerst den Boden der EU betreten haben. Junge Aktivisten, die schon 2011 und 2012 in Syrien den Protest auf die Straße getragen hatten, organisierten die Flüchtlinge, wie Elias Perabo von der Organisation "Adopt a Revolution" berichtet, der selbst in Ungarn war.

Die Nachricht machte nicht nur unter den Flüchtlingen die Runde, die es mit ihren Schlauchbooten übers Mittelmeer nach Griechenland und weiter nach Serbien oder Ungarn geschafft hatten. Sie erreichte binnen Stunden auch die Länder, aus denen die Menschen zu ihrer gefährlichen Reise aufgebrochen waren: die Türkei, Libanon und auch Jordanien, wo insgesamt mehr als vier Millionen Syrer untergekommen sind. Aber auch im Irak wurden die Menschen aufmerksam. Viele sehen keine Zukunft mehr für ein erträgliches Leben in ihrer Heimat. In Bagdad ist seither die Nachfrage nach Pässen deutlich gestiegen.

Viele Flüchtlinge sehen jetzt eine Chance, die es vielleicht bald nicht mehr geben wird

Über soziale Netzwerke, SMS und Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitet sich die Botschaft, dass es nun die Chance gebe, nach Deutschland zu kommen. Bilder von "Mama Merkel" tauchten auf. Die Menschen sahen im Fernsehen, wie ihre Landsleute am Münchner Hauptbahnhof und anderen Orten ankamen und "Germany, Germany" skandierten. Die Nachrichten, so die Logik, mussten also stimmen, auch wenn binnen Stunden - teils von Schleppern bewusst gestreute - Falschinformationen in Umlauf gelangten. Das Auswärtige Amt versuchte, die Botschaften der Menschenschmuggler mit Tweets und Warnungen als Lügen zu entlarven - mit wenig Erfolg.

"Viele Flüchtlinge sehen jetzt eine Möglichkeit, nach Europa zu gelangen", sagt die Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, Melissa Fleming - eine Chance, die es lange nicht gab und vielleicht bald schon nicht mehr geben wird. Es ist den Menschen nicht verborgen geblieben, dass Ungarn einen Grenzzaun baut. Smartphones zum Austausch von Informationen und um Kontakt in die Heimat und zu Angehörigen zu halten sind neben Geld und Papieren das wichtigste Utensil auf der Flucht. "Für viele Menschen sind 15 Tage in der Hölle das Risiko wert, wenn sie die Chance sehen, nach Deutschland zu kommen", sagt Fleming. In Jordaniens Hauptstadt Amman sagte ein Syrer kürzlich der SZ: "Es ist besser, im Mittelmeer zu ertrinken, als hier langsam zu sterben."

Fleming sieht eine ganze Reihe von Faktoren, die dazu führen, dass die Menschen gerade jetzt versuchen, nach Europa zu gelangen. Den Syrien-Flüchtlingen in der Region gehe es schlechter als je zuvor, sagt sie, weil die Hilfe immer weiter gekürzt werden musste. "Von den 4,5 Milliarden Dollar, die wir zu Beginn des Jahres als Bedarf berechnet und angefragt haben, sind bislang nur 37 Prozent eingegangen", sagt Fleming, "und wir sind jetzt im September." Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) musste in Jordanien die Hilfe für 230 000 Syrer, die nicht in Flüchtlingslagern leben, komplett einstellen. Die Menschen können ihre Kinder nicht in die Schule schicken, sie dürfen nicht arbeiten, haben oft nicht einmal genug zu essen.

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Zugleich schwinde für viele Syrer die Hoffnung, noch einmal in ihre Heimat zurückkehren zu können. Bei aller Grausamkeit des Islamischen Staates (IS) sind die meisten von ihnen doch vor dem Regime von Baschar al-Assad geflohen, das etwa 220 000 der 250 000 Toten in diesem Krieg zu verantworten hat. Sie wissen, was es heißt, wenn jetzt Russland seine Militärhilfe verstärkt und sich anschickt , den Diktator mit eigenen Truppen zu unterstützen.

"Viele Menschen kommen derzeit direkt aus Syrien", sagt Fleming, die selbst etwa am Wiener Westbahnhof mit vielen Flüchtlingen gesprochen hat, eine Entwicklung, die auch Elias Perabo in den vergangenen Wochen beobachtet hat. Libanon registriert kaum noch neue Flüchtlinge, die Menschen werden oft nur ins Land gelassen, wenn sie ein Flug- oder Fährticket für die Weiterreise vorweisen können, ähnlich schwierig ist die Situation in Jordanien. Auch ist den Menschen klar, dass sie dort keine oder nur noch unzureichend Hilfe erwarten können. Wenn sie also ihre gesamten Besitz zu Geld machen, stehen sie vor der Wahl zu versuchen, mit dem Geld nach Europa zu kommen, oder in eines der Nachbarländer zu gehen - und dort binnen Monaten mittel- und oft obdachlos zu werden.

Überdies fliehen zunehmend Menschen aus den Kurdengebieten und der Grenzregion zwischen Syrien und der Türkei. Sie fühlen sich doppelt bedroht - durch den Islamischen Staat und den Krieg, den die Türkei gegen die PKK führt. Gegenden, die noch vor Kurzem als sicher galten, sind heute gefährlich. Aber auch in anderen Ländern hoffen Menschen jetzt, sich nach Europa retten zu können. Im Irak beobachten die UN einen deutlichen Anstieg der Flüchtlingszahlen, aber auch in Afghanistan machten sich seit einiger Zeit mehr Menschen auf den Weg.

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