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Mein Leben in Deutschland:Wer gezwungen wird, hat keine Wahl

Der Präsident schaut zu: Wahlstation in Syrien im Jahr 2016.

(Foto: Hassan Ammar/AP)

Unser Kolumnist zieht einen Vergleich zwischen den bevorstehenden Wahlen in Deutschland und in seiner syrischen Heimat.

Von Yahya Alaous

Der Präsident schaut zu: Wahlstation in Syrien im Jahr 2016.

(Foto: Hassan Ammar/AP)

Die syrischen Flüchtlinge in Deutschland beobachten in diesen Tagen zwei Wahlprozesse. Zum einen die deutschen Wahlen, die am Ende dieses Sommers durchgeführt werden, zum anderen die Wahlen in ihrem Heimatland Syrien, die zu Beginn des Sommers stattfinden.

Das Paradoxe daran ist, dass die Flüchtlinge bei beiden Prozessen nur Zuschauer sind. Beim ersten können sie nicht wählen, weil sie nicht die deutsche Staatsbürgerschaft haben, die ihnen die Teilnahme an der Wahl ermöglicht, und beim zweiten können sie nicht wählen, weil sie nicht an gefälschten Wahlen teilnehmen wollen, um nicht einem Regime Legitimität zu geben, das sein Volk getötet und das Land zerstört hat. Was aber noch wichtiger ist: Den Syrern fehlt überall das Gefühl der Staatsbürgerschaft.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 47-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Während der ganzen Jahrzehnte, die sie in Syrien lebten, konnten die Syrer das Recht auf freie Wahlen als freie Staatsbürger nicht erlangen. Die Wahlen dort waren und sind immer noch ein künstlicher, formaler Prozess mit feststehenden Ergebnissen - bevor sie begonnen haben. Die Kandidaten sind Clowns, die Wahlfestivals sind Farce, die Wahlprogramme der Kandidaten bestehen nur aus Lügen, die sie selbst nicht glauben.

In Deutschland hat die Dynamik des Wahlprozesses noch nicht begonnen, aber die Nachrichten, die hier und da auftauchen, wie Parteiprogramme und deren Inhalte, wirken beunruhigend auf die Flüchtlinge. Logisch ist, dass die Positionen der Parteien zur Flüchtlingsfrage der wichtigste Grund sind, der die Flüchtlinge dazu bringt, die Wahlen zu verfolgen.

Die Tinte geht nicht mehr ab

Aber das ist nicht alles, es gibt viele andere Themen, die die Flüchtlinge dazu bringen, sich an dieser Debatte, die von Tag zu Tag zunimmt, zu beteiligen. Etwa die Positionen zu allgemeinen Einwanderungsfragen, zu Arbeitsgesetzen, zu Bildung und Umwelt. Aber noch wichtiger ist meiner Meinung nach ihre Erfahrung einer freien und echten Wahl und ihre Beteiligung an dieser demokratischen Tradition in irgendeiner Weise. Denn das durften sie in ihren Ländern noch nie erleben.

In einem früheren Gespräch mit einem deutschen Freund über seine Wahlmöglichkeiten erzählte er mir, dass seine Familie traditionell eine bestimmte Partei wählt, aber auch, dass das nicht in Stein gemeißelt sei. Es würde ihn nicht daran hindern, diese Tradition einfach zu brechen, wenn er das Gefühl hätte, dass die Programme dieser Partei für ihn nicht mehr überzeugend sind.

Als er mich nach meinen Wahlmöglichkeiten in meinem Heimatland Syrien fragte, war er erstaunt, als ich ihm erzählte, dass ich in meinem ganzen Leben an keiner einzigen Wahl in meinem Land teilgenommen habe und auch keine einzige Person gewählt habe, um sie ins Parlament zu bringen.

Ich erzählte ihm von Syrern, die Jahre ihres Lebens in Gefängnissen verbrachten, weil sie sich geweigert hatten, an den Wahlspielen teilzunehmen, und von jenen, die sich weigerten, als falsche Zeugen aufzutreten, die während der Wahlen in ihren Häusern blieben, damit die auf den Straßen eingesetzten Sicherheitsleute sie nicht zwangen, zum Wahllokal zu gehen und abzustimmen. Ich sagte ihm, wie ekelhaft die Tinte auf dem Finger eines Kollegen sei, der mit Gewalt zum Wahllokal gedrängt wurde.

Ich habe ihm gesagt, dass die Tinte nicht mehr abgehen würde, egal wie sie gewaschen wurde, und dass der Finger nicht wieder sauber werden würde.

Lieber ins Wahllokal als ins Gefängnis

Jeder Syrer hat einen Weg der Kommunikation mit dem Mutterland, um Neuigkeiten aus dem leidenden und zerrissenen Land zu erfahren, einschließlich der Nachrichten von den Wahlen. Die Vorbereitungen für die Präsidentschaftswahlen in Syrien laufen. Slogans, die den Bürgern versprechen, dass sie genug Nahrung bekommen, damit ihre Kinder mit vollem Magen schlafen können, hängen an Plakattafeln.

Sicherlich glauben die hungernden Syrer diesen Versprechungen nicht, aber sie sind nicht in der Lage zu protestieren. Denn wer mit eigenen Augen sah, wie das Regime das Land zerstört hat, wie es Tausende von Syrern getötet und verhaftet hat, der wird lieber in die Wahllokale gehen als in die Gefängnisse, der wird nicht riskieren, dass es wieder zu einer Rebellion kommt. Denn wer sein Land einmal zerstört hat, der wird nicht zögern, auch das zu zerstören, was davon noch übrig ist.

Diese Wahlen werden dem syrischen Volk nicht die Tür zur Erlösung öffnen, wie das Regime es darstellt. Vielmehr werden sie neue Türen der Qual und des Leids öffnen, denn das Land braucht keine eitlen und nutzlosen Wahlen, sondern einen politischen Übergang, der zunächst die Souveränität des Volkes wiederherstellt. Denn derzeit überwiegen ausländische Einflüsse auf das Land und die Menschen.

Das Land braucht keine Wahlen oder riesige Leinwände eines Präsidenten, der unter Zwang gewählt wird, während Millionen von Menschen fast nackt in den Straßen und Lagern liegen.

Übersetzung: Jasna Zajcek

© SZ/kit
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