Süddeutsche Zeitung

Syrien:Der Schlächter als Befreier

Der Westen jubelt über die Vertreibung des IS aus dem Weltkulturerbe von Palmyra durch Assads Truppen. Dabei ist der syrische Machthaber kaum weniger grausam als die Terroristen.

Hätte die russisch-syrische Allianz gegen den sogenannten Islamischen Staat nur einen einzigen Sieg erringen wollen, es hätte die Befreiung Palmyras sein müssen. Palmyra, die Schöne der Wüste, Oasenstadt, Karawanenstadt, Handelsstadt, Weltkulturerbe, ist Symbol für vieles, was sich politisch nutzen lässt.

Der Götterreichtum mit 50 überlieferten Namen lokaler oder tribaler Gottheiten - steht er nicht für eine religiöse Toleranz, die den größtmöglichen Gegensatz zum Fanatismus im heutigen Nahen Osten bildet? Die kulturelle Absorptionsfähigkeit Palmyras, das aramäische, griechische, römische, persische und arabische Einflüsse kannte, aber seinen eigenen, einzigartigen nie verlor - müsste sie nicht Vorbild sein für eine multikulturelle Zukunft?

Zehn Monate lang hatten die Terroristen Palmyra besetzt gehalten. Sie hatten den Baal- und den Baal-Schamin-Tempel, den Triumphbogen und Grabmäler in die Luft gesprengt und im Amphitheater Menschen getötet. Auch Palmyras Chefarchäologen Chaled al-Asaad folterten und ermordeten sie. Er hatte ihnen nicht verraten wollen, wo weitere Schätze Palmyras versteckt waren.

Und jetzt dies: Der russische Präsident Wladimir Putin und sein syrischer Kollege Baschar al-Assad, die sich seit Monaten vorwerfen lassen müssen, dass sie nicht Terroristen, sondern Zivilisten umbringen, entreißen Palmyra den Barbaren und schenken die Welterbestätte der Menschheit zurück. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ist überglücklich. Iran gratuliert. Assad verspricht den Wiederaufbau der zerstören Bauten, was viele Archäologen angesichts zweifelhafter Ergebnisse anderenorts eher als Drohung begreifen dürften.

Auch Assad lässt foltern und morden - nur nicht vor laufender Kamera wie der IS

Assad wird das nicht irritieren, ebenso wenig wie die Drohung, dass Palmyra der Unesco-Welterbestatus aberkannt werden könnte, sollten die Trümmer unwissenschaftlich zusammengespachtelt werden. Wenn der Krieg irgendwann vorbei ist, werden Touristen die gerettete Stätte besuchen - Welterbe oder nicht. Es sind also gute Tage für Palmyra, aber noch bessere für Assad.

Was in all dem Jubel untergeht, ist eine weitere, eher düstere, aber jedem Syrer geläufige Bedeutung dieses Ortes. Tadmor, wie die Stadt neben der Ruine bis heute heißt, ist der Ort eines der schlimmsten Gefängnisse des syrischen Regimes. In Assads Kerkern leiden, hungern und sterben bis heute Zehntausende, nur lässt das Regime seine Gegner nicht vor laufenden Kameras ermorden und stellt seine Hölle nicht auf Youtube aus. Ideologisch ist der grausame Augenarzt aus Damaskus für den Westen anschlussfähiger als die primitiven Schlächter des "Islamischen Staates". Ethisch trennt sie wenig.

Umso günstiger für Assad, dass ihm nun selbst seine schärfsten Kritiker ihre Anerkennung nicht verwehren können. Palmyra aber bleibt, was es zehn Monate lang war, so wie auch all die anderen bedrohten oder besetzten Kulturgüter in dieser geschundenen Region: Eine Geisel des Krieges.

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SZ vom 29.03.2016/ewid
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