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"Mein Leben in Deutschland":Vom mutigen Schafbock und der tapferen Dame

Rüstige Rentnerin in elegantem Outfit auf dem Weg durch Berlins Mitte

Eine ältere Dame ist in elegantem Outfit auf dem Weg durch Berlins Mitte.

(Foto: imago stock&people)

Unser syrischer Gastautor fragt sich, mit welchen Empfindungen ältere Menschen durch die Corona-Krise kommen. Und freut sich über eine Seniorin aus seiner Nachbarschaft.

Ich erzähle meinen Töchtern gerne Gute-Nacht-Geschichten. Ihr großer Favorit war lange die Geschichte, in der der Wolf in die Stadt kommt und alle Schafe dazu zwingt, sich in ihren Ställen zu verstecken. Ein großer Bock mit mächtigen Hörnern aber hatte keine Lust, sich unfrei im Stall zu langweilen, er wollte sein altes Leben zurück und entfloh, ungeachtet der Gefahr, der Enge des Stalles. Als er alleine auf der Weide stand, ergriff ihn eine große Angst; hatte er doch in seiner Herde allerlei gruselige Geschichten über den Wolf gehört, ohne je selbst einen erblickt zu haben. Trotz seiner Angst spürte der Bock große Kraft in seinen Hörnern, und als er dem Wolf begegnete, stieß er ihn so stark, dass dieser sich fortan nie wieder blicken ließ und alle Schäfchen ihr Leben wieder in Freiheit führen konnten.

In diesen Tagen denke ich ständig an diese Geschichte, beschreibt sie doch die Lage, in der wir uns alle befinden. Corona - die böse Gefahr in den Straßen, die Gefahr, von der wir nicht wissen, wann und wie sie uns treffen und töten kann - hält uns, und vor allem die Angehörigen von Risikogruppen, wie die Schäfchen zu Hause.

Yahya Alaous

arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer großen Tageszeitung. Wegen seiner kritischen Berichterstattung saß der heute 46-Jährige von 2002 bis 2004 im Gefängnis, sein Ausweis wurde eingezogen, ihm wurde Berufsverbot erteilt. Nach der Entlassung wechselte er zu einer Untergrund-Webseite, die nach acht Jahren vom Regime geschlossen wurde. Während des Arabischen Frühlings schrieb er unter Pseudonym für eine Oppositions-Zeitung. Als es in Syrien zu gefährlich wurde, flüchtete er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Deutschland. Seit Sommer 2015 lebt die Familie in Berlin. In der SZ schreibt Yahya Alaous regelmäßig über "Mein Leben in Deutschland".

Seit unserem Umzug vor gut einem Jahr leben wir gegenüber einem größeren Wohnkomplex für ältere Menschen. So eine Einrichtung war neu für mich, in Syrien haben die alten Menschen meist bei ihren Kindern gelebt, oder die Kinder sind in die Nähe ihrer Eltern gezogen, um sich um sie kümmern zu können. Neu war für mich nach dem Einzug auch das nächtliche Blaulicht, das mich immer dann, wenn einer der die Einrichtung bewohnenden Senioren ins Krankenhaus gebracht wurde, erschaudern ließ.

Morgens schaute ich den Damen und Herren aus meinem Fenster bei ihren gemächlichen Morgenspaziergängen ins gegenüber dem Heim liegende Café zu, doch seit Corona die Stadt erreicht hat, sind die langsamen Spaziergänger aus meinem Blickfeld verschwunden. Die Straße wirkt in ihren Ampelpausen nun öde, trostlos und viel länger auf "Stillstand" als zuvor. Niemand mehr überquert langsamen Schrittes, aber vorfreudig auf eine heiße Tasse Kaffee zum frischen Kuchen die Straße.

Niemand? Doch! Eine ältere Dame ist die einzige Ausnahme. Jeden Morgen spaziert die elegante, fein frisierte Seniorin mit einer vornehmen Handtasche gerüstet aus dem Haus, es wirkt fast, als wollte sie so schick zur Sonntagsmesse gehen. Jeden Tag geht sie alleine aus dem Haus, so wie der Bock in der kleinen Geschichte meiner Töchter. Ihre Tapferkeit, ihre schöne Erscheinung und ihre Zuversicht scheinen mir sagen zu wollen, dass sie sich entweder über Corona lustig macht oder es herausfordert.

Beispiel der Furchtlosigkeit

Manch eine*r wird sagen, sie verhalte sich unverantwortlich, aber welche Konsequenzen hat eine alte alleinstehende Dame zu fürchten? Vielleicht weigert und sträubt sie sich einfach, das vielleicht letzte Kapitel ihres Lebens von einem ekelhaften Virus fremdbestimmen zu lassen.

Meine Angst vor dem Virus ist groß, vor allem, wenn ich mir überlege, dass ich ihn an meine Familie oder meine Freunde unbemerkt weitergegeben haben könnte. Aber eine alte, vielleicht seit Jahrzehnten alleinstehende Dame? Geht mir nun als strahlendes Beispiel der Furchtlosigkeit voran. Dass sie allmorgendlich ihr gewohntes Leben weiterführt, bewundere ich, und es zerstreut ein wenig die allgemeine Angst, sie in ihrer Stärke und in ihrem Optimismus zu sehen. Mittlerweile warte ich morgens am Fenster und hoffe stets, sie zu sehen. Mir scheint, als könne ich meinen Tag nicht ohne sie beginnen.

Während der wenigen Male, die ich zurzeit das Haus verlasse, achte ich natürlich darauf, niemandem zu nahe zu kommen und lasse besonders älteren Menschen den Vortritt, in dem ich einfach stehen bleibe und abwarte. Ich möchte den Senioren ein gutes Gefühl vermitteln, und viele von ihnen danken es mit einem netten "Hallo" oder einem strahlenden Lächeln.

Das Gefühl der Schwäche

Oft denke ich dieser Tage an ältere Menschen und versuche mir vorzustellen, wie sie mit ihren Gedanken umgehen. Es sind sicherlich nicht die besten Tage, die sie derzeit durchleben, und bei vielen kommt zur Verwundbarkeit noch die Einsamkeit dazu, vielleicht das Gefühl der Schwäche, vielleicht fühlen sie sich weggesperrt oder geopfert, damit es anderen besser geht. Ich finde all das beklemmend und bedrückend, ihre Gedanken müssen schmerzhaft sein, und einige vielleicht Undankbarkeit fühlen.

Ich kenne den Namen meiner tapferen Nachbarin nicht und weiß auch nicht, woher sie kommt. Aber ich weiß, dass meine Sorge nicht mehr auf die mir persönlich bekannten Menschen beschränkt ist, sondern die feine ältere Dame einschließt. Ihre kleinen Abenteuer geben mir meine tägliche Portion Hoffnung, Optimismus und Stärke - die eindeutigsten Indikatoren dafür, dass sich die Welt früher oder später wieder in ihrer altbekannten Umlaufbahn drehen wird.

© SZ.de/kit
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