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Zehn Jahre Syrienkonflikt:Assads grausamer Sieg

Situation der Kinder in Syrien

Zwei Jungen aus Idlib schützen sich in einem ausgeschlachteten Kühlschrank vor dem Regen. Seit Kriegsbeginn sank die Lebenserwartung der syrischen Kinder um 13 Jahre.

(Foto: Anas Alkharboutli/dpa)

Auf Proteste im März 2011 antwortete das Regime mit Gewalt - und die Welt schaute zu. Zehn Jahre später ist das Land noch immer gelähmt vom Bürgerkrieg und steht vor dem wirtschaftlichen Niedergang.

Von Moritz Baumstieger, München

Die Nachricht, die Syriens Streitkräfte am Dienstag auf Facebook veröffentlichten, sollte Hoffnung schaffen. Sie stellt jedoch auch den desaströsen Zustand des Landes bloß: Der Generalkommandant der Armee - Machthaber Baschar al-Assad - erhöht die jährliche Gabe an Invaliden und Angehörige von Gefallenen um das Fünffache. Statt 10 000 sollen Bezugsberechtigte nun 50 000 syrische Pfund erhalten, die Gutschrift wird für den Tag der Märtyrer am 6. Mai angekündigt.

50 000 syrische Pfund - das ist nach einer Dekade Krieg also der Preis eines Menschenlebens. Am 15. März vor zehn Jahren, als erstmals in der Hauptstadt Menschenmassen auf die Straßen strömten, um Reformen und vielleicht auch einen Wechsel an der Staatsspitze zu fordern, hätte diese Summe 1000 Dollar entsprochen. Das Land ordnete sich damals im internationalen Vergleich in die Mittelklasse ein: nicht reich, aber keinesfalls arm.

Zehn Jahre später ist das Bild ein radikal anderes. Auf die Proteste antwortete das Regime mit Gewalt, bald schaltete Assads Krisenstab nicht nur Geheimdienste ein, sondern auch die Armee. Damit setzte sich eine Spirale der Zerstörung in Gang, die sich bis heute weiterdreht - begünstigt durch die indifferente Haltung der internationalen Gemeinschaft.

Im nun beginnenden Bürgerkrieg wurden ganze Stadtviertel eingeebnet, setzten sich fremde Mächte im Land fest, die hier ihren geopolitischen Ambitionen nachgehen. Ein durch brutale Gewalt errichtetes und durch brutale Gewalt wieder vernichtetes Kalifat sandte Schockwellen bis nach Europa, wo bereits zuvor Hunderttausende Flüchtlinge angekommen waren. Die Hälfte der 22 Millionen Syrer musste ihre Häuser wegen des Krieges verlassen, fast sechs Millionen flohen ins Ausland.

Und auch, wenn Assad heute dank seiner russischen und iranischen Verbündeten wieder in rund zwei Dritteln des Landes herrscht, verrät seine Ankündigung, wie wenig der Sieg derzeit wert ist: Die 50 000 Pfund entsprechen heute bei den Devisenhändlern gerade einmal zwölf Dollar und 50 Cent. Oder: Dem Gegenwert von 20 Packungen kleiner Fladenbrote, wenn es trotz langem Anstehen bei staatlich geförderten Bäckereien kein Brot gibt und bei Händlern ohne Subventionen gekauft werden muss.

Familienväter aus Idlib als Kanonenfutter für die Türkei

Die urbanen Zentren der Opposition - in Hama, in Homs, in Ost-Aleppo und der Ghouta, den Vororten der Hauptstadt Damaskus - hat das Regime vor Jahren zurückerobert, mit Fassbomben und wohl teils auch mit chemischen Waffen. Die Aufständischen, die vor dem Eingreifen Moskaus 2015 nach Einschätzung des russischen Außenministers Sergej Lawrow nur zwei bis drei Wochen davon entfernt waren, Damaskus zu überrennen, sind heute nur noch um die Stadt Idlib präsent. In dem Gebiet nahe der türkischen Grenze drängen sich Millionen Binnenflüchtlinge auf immer engerem Raum.

Hier sind radikale islamistische Milizen präsent, teils toleriert, teils kritisch beäugt von der Schutzmacht Türkei. Die sorgt dafür, dass in Idlib zumindest einige grundlegende Institutionen weiter funktionieren - gleichzeitig nutzt Präsident Recep Tayyip Erdoğan das Heer der syrischen Verzweifelten, um seine geopolitischen Ambitionen zu befördern: Türkische Flugzeuge brachten syrische Söldner nach Libyen, Familienväter aus Idlib dienten im Bergkarabach-Konflikt als Kanonenfutter, ohne Ortskenntnis und letztlich meist auch ohne ausgezahlten Lohn.

Doch der militärische Erfolg Assads über die Rebellen kam um den Preis des ökonomischen Niedergangs. Der jüngste Zusammenbruch der Wirtschaft beim Nachbarn Libanon trifft das Land hart, Beirut diente Syriens Eliten schon immer als Bank- und Handelsstandort.

Andere Gründe sind innerhalb der Landesgrenzen zu finden: Seit das Regime 2013 seine Kräfte aus dem Nordosten des Landes abzog, um sich auf den Kampf in den sunnitisch-arabischen Gebieten zu konzentrieren, fehlt Damaskus der Zugriff auf die Region östlich des Euphrat. Hier herrscht nun eine von den Kurden dominierte Selbstverwaltung. Ihre Milizen hatten das Gebiet zurückerobert, nachdem sie von den USA als effektivste Bodentruppe für den Kampf gegen die Dschihadisten auserkoren und ausgerüstet wurden.

Die Sanktionen haben Assads Regime eher gefestigt

In dem Gebiet liegen nicht nur die ergiebigsten Kornfelder des Landes, deren Weizen dem Regime heute fehlt. Sondern auch die Ölquellen, die im regionalen Vergleich eher zweitrangig sind, aber zumindest Donald Trump davon überzeugen konnten, ein paar US-Soldaten hier zu lassen, "um das Öl zu sichern". Einen Angriff auf die Kurdengebiete hat Assad bislang nicht gewagt. Wohl wegen der wirtschaftlichen Not seines Klienten will aber Russland die Selbstverwaltung der Kurden nicht mehr langfristig dulden, die Türkei ohnehin nicht. Am Donnerstag unterzeichneten deren Außenminister gemeinsam mit ihrem katarischen Kollegen eine entsprechende Resolution.

Zum anderen haben die einzigen Maßnahmen, die den USA und Europa bis heute eingefallen sind, dramatische Auswirkungen: Schon kurz nach dem gewaltsamen Vorgehen des Regimes gegen Demonstranten 2011 verhängten sie die ersten Sanktionen gegen Assads Staat - vor allem Washington legte in den vergangenen Jahren nach. Das Regime ließ sich jedoch auch durch die Strafmaßnahmen bislang zu keinerlei Zugeständnissen drängen. Gespräche über eine neue Verfassung, die der mittlerweile vierte Sondervermittler der UN in Genf führt, verlaufen im Sande.

Stattdessen leben heute fast 90 Prozent der Syrer unter der Armutsgrenze. Nach Ansicht britischer Wissenschaftler haben die Sanktionen Assads Regime ironischerweise eher gefestigt, da gut verdienende Milizenchefs und Gewinner der Kriegswirtschaft es um jeden Preis stützen - wie auch seine Verbündeten Russland und Iran. Beide Staaten wollen ihre teuren Investments in Syrien absichern, Teheran führt hier einen Schattenkrieg mit Israel, Moskau hat sich durch den Syrienkonflikt wieder als internationaler Player installiert und verkündete gerade den Bau einer neuen Militärbasis.

Während das Regime, Russland und Iran weiter in Waffen und Feldzüge investieren, ist der Hunger im einstmals wohlhabenden Land nicht nur angekommen, sondern ein ständiger Gast. 12,4 Millionen Syrer wissen heute nicht, welche Nahrung sie morgen auf den Tisch bringen können, die Lebenserwartung der Kinder im Land ist laut Studien um 13 Jahre gesunken. Seit die ersten Demonstranten vor zehn Jahren gegen Assad auf die Straße gingen, sind nach Schätzungen 600 000 Syrer im Krieg gestorben. Töchter, Väter, Brüder, Mütter, Onkel und Tanten - die keine Kompensationen der Regierung wieder zum Leben erwecken können, welcher Höhe auch immer.

Korrektur: 50 000 syrische Pfund entsprachen im Jahr 2011 nicht 10 000 Dollar, wie es in einer früheren Version des Textes hieß, sondern lediglich 1000 Dollar. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

© SZ/cat
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