Syrien: Blutige Proteste Hama, Ort der Grabesstille

Die Schüsse der syrischen Staatsgewalt auf Demonstranten in Deraa wecken die Erinnerung an ein Massaker von 1982. Damals ließ der Vater von Baschar al-Assad in Hama Zehntausende hinschlachten. Nach wie vor ist das: tabu.

Von Silke Lode

Als am Wochenende die ersten Nachrichten von erschossenen Demonstranten und Truppenbewegungen in Richtung der syrischen Stadt Deraa die Hauptstadt Damaskus erreichten, war sofort ein Wort in aller Munde: Hama. Sondereinheiten von Hafis al-Assad, dem Vaters des jetzigen Machthabers, schlugen in der Stadt 1982 einen Aufstand der Muslimbrüder blutig nieder; bei dem Massaker starben Tausende Menschen. Das syrische Menschenrechtskomitee spricht von 25.000 Toten. Vielleicht waren es mehr, die genauen Zahlen sind bis heute nicht bekannt.

Die uralten Wasserräder am Orontes sind das Wahrzeichen von Hama: Beim Beschuss durch Hafis al-Assads Truppen kamen 1982 nicht nur bis zu 25.000 Menschen ums Leben, auch der größte Teil der historischen Altstadt wurde vernichtet

(Foto: Getty Images)

Was sich damals in Hama ereignet hat, erklärt die Grabesstille, die in Syrien jahrzehntelang jede Opposition erstickt hat. Schon in den Jahren 1980 und 1981 kam es immer wieder zu heftigen Kämpfen zwischen Assads Militäreinheiten und bewaffneten Widerstandskämpfern in der Region um Hama. Soldaten richteten erste Massaker unter der Zivilbevölkerung an, die soziale Missstände beklagte, und im Gefängnis von Palmyra wurden im Sommer 1980 bis zu 1000 Gefangene in ihren Zellen ermordet.

Der unerklärte Bürgerkrieg zwischen den radikalen Muslimbrüdern und der Regierung fand im Februar 1982 sein blutiges Ende. Die Muslimbrüder hatten binnen weniger Tage die Macht über Hama übernommen und brachten Anhänger Hafis al-Assads um. Assad reagierte mit einer Gegenoffensive: Einheiten der Luftwaffe bombardierten die Stadt, Spezialtruppen rückten mit Panzern und schweren Waffen ein. Haus für Haus, Straße für Straße eroberten sie Hama zurück. Komplette Familien sollen erschossen worden sein, wahllos wurden Tausende Menschen verschleppt, viele von ihnen kehrten nie aus den Gefängnissen zurück.

Eins der großen Tabuthemen Syriens

Wer Hama heute besucht, erlebt eine im Vergleich zu Damaskus oder Aleppo angenehm ruhige, konservative Stadt. Auffallend viele Frauen sind vollverschleiert. Der Orontes fließt mitten durch das Stadtzentrum. Wenn er genügend Wasser führt, singen die großen Wasserräder aus Holz, die das Wahrzeichen Hamas sind, ihr knarzendes Lied. Am Ufer des Orontes war früher die Altstadt, doch von den Gebäuden mit ihren arabischen Holzerkern ist nichts mehr zu sehen. Das syrische Menschenrechtskomitee schreibt in einem der wenigen Berichte über das Massaker, einige Stadtteile seien zu 80 Prozent zerstört worden.

Das Massaker von Hama ist eines der großen Tabuthemen Syriens, im Schulunterricht kommt es nicht vor, und selbst im Gespräch untereinander vermeiden die Syrer das Thema. Ein älterer Syrer erzählt, dass seine aufgeweckte Nichte bis vor wenigen Tagen nie von den Ereignissen in Hama gehört hatte. Jetzt sprechen alle von Hama - weil die Menschen befürchten, dass das Militär auch jetzt wieder gnadenlos zuschlägt, um die täglich wachsenden Proteste in Deraa unter Kontrolle zu bekommen. Noch klammern sich die Menschen daran, dass Präsident Baschar al-Assad nicht zu den gleichen Mitteln wie sein Vater greifen wird.

Zunächst schien ihre Hoffnung begründet zu sein. Nachdem Sicherheitskräfte am vergangenen Freitag erstmals auf Demonstranten geschossen hatten, deutete die Staatsmacht an, sie wolle eine Eskalation vermeiden. Ein Einwohner aus Deraa erzählt, dass am Wochenende die Militäreinheiten ausgewechselt worden seien. Die neuen Einheiten hätten zwar die gesamte Stadt kontrolliert, der Bevölkerung aber versichert, dass sie auf ihrer Seite stünden. Doch in der Nacht zum Mittwoch wendete sich das Blatt. Sicherheitskräfte eröffneten das Feuer auf die Demonstranten an der Omari-Moschee, Aktivsten und Einwohner berichten von mehr als hundert Toten. Es gibt außer den Angaben staatlicher Medien keinerlei Berichte darüber, dass auch die Demonstranten mit Waffen auf die Sicherheitskräfte losgegangen sind.

Während niemand weiß, welche Entscheidung Baschar al-Assad treffen wird und ob er seine Position gegen das mächtige Militär durchsetzen kann, gibt es zwischen Hama und Deraa einen wichtigen Unterschied. Damals drangen die Berichte über das Massaker erst nach Wochen in die Welt vor, heute stellen Aktivisten ihre mit Handys gefilmten Videos binnen weniger Stunden ins Internet. Eine Garantie, dass sich das Massaker von Hama nicht wiederholen kann, ist das allerdings nicht.